Leseprobe Aufbruch in den Miriquidi – Chemnitzer Annalen

Frustgedanken

Der Versammlungsraum wirkt auf Roland irgendwie ermüdend. Das kalte Neonlicht lässt die Spuren der Zeit an den ehemals schlicht weißen Wänden gnadenlos hervortreten. Die Bilder und Plakate ringsum lassen den Ort nicht freundlicher wirken. Auch die Fenster tragen mit ihrem von Regen und Schmutz gezeichneten Muster nicht zur Verschönerung des Raumes bei. Das Wetter da draußen tut sein Übriges, um das Gefühl des Unwohlseins noch zu verstärken. Der Gipfel aber ist der Vortrag dort vorn: trist, einfach trist! Das weiße Blatt vor ihm ist abgesehen von der Überschrift und dem Datum in Schönschrift noch jungfräulich. Der Vortrag des Referenten ist von Wiederholungen gespickt und die monotone Sprechweise nimmt jeder Anstrengung zur Konzentration die Wirksamkeit. „Mein Gott, ist das furchtbar! Und wie er sich an Altem festhält! Damit lockt man doch keinen hinter dem Ofen vor! Bla, bla, bla … “ Entschlossen legt Roland den Stift auf den Tisch. Mehr wird es wohl nicht zu schreiben geben, schade um die schöne Zeit.

Als sich der Referent endlich für die Aufmerksamkeit bedankt, lassen die Zu-schauer ein müdes Klatschen hören und erheben sich rasch von ihren Plätzen. Eilig drängen sie aus der Tür, um in der kurzen Pause vom Getränkeautomaten einen Kaffee, Tee oder Cappuccino zu ergattern. Die Gespräche werden gedämpft geführt und es ist kaum verwunderlich, dass sie sich am allerwenigsten auf den Vortrag beziehen. Roland hat sich für einen Kaffee „schwarz“ entschieden – so wie er ihn zumeist bevorzugt – und schaut sich nun nach Bekannten um.

Fast alle Anwesenden hat er schon einmal bei gleichartigen Gelegenheiten getroffen. Da er aber sein Hobby, die Regionalgeschichte, eher sporadisch und schon gar nicht in einem Verein pflegt, fehlt ihm hier ein vertrauter Gesprächspartner. Eigentlich wollte er schon lange Mitglied im Geschichtsverein werden, aber so richtig konnte er sich dafür bislang nicht entscheiden. Geschichte ist das Winterhobby. Im Sommer haben der Garten, Radtouren und Wanderungen den Vorzug in der Freizeit. Während er seinen Kaffee schlürft, lauscht er dem leisen Gespräch zweier älterer Herren am Flurfenster.

„Eine Erfüllung war das ja nun nicht gerade. Da hatten wir nun fast ein halbes Jahr archäologische Ausgrabungen am Neumarkt, die Kellergänge am Kaßberg werden untersucht und am Schloßberg wird auch gebaut. Da gibt es doch genügend aktuelle Ansätze! Und da kommt der mit Plattheiten, die auf neunzig Prozent aller Orte in der Region zutreffen.“ – „Dafür ist er Doktor, alles was die Wissenschaftler vertreten, muss bewiesen sein. Was hier in den letzten Jahren gefunden worden ist, wird erst einmal untersucht und analysiert. Bevor das nicht abgeschlossen ist, lehnt sich keiner zu weit aus dem Fenster.“ – „Allein die Kellergänge bieten genügend Anlass, sich neu zu positionieren. Schon von den Ausmaßen her waren das ursprünglich niemals nur Bierkeller. Warum in aller Welt sollten sie als solche über Kilometer hinweg durch Gänge verbunden sein?“ – „Nimm das nicht so ernst, man kann in diese Gänge viel hineininterpretieren. Dazu kommen noch die Sagen vom Abt, der vom Kloster bis nach Rabenstein unterirdisch gegangen sein soll. Davon haben sie uns schon als Schulkinder erzählt. Das sind doch Märchen, wir müssen uns schon an Belegbares halten. Ein Gründungsjahr der Stadt kann man nicht einfach so festlegen. Das hat man schon zweimal getan, in den dreißiger und in den sechziger Jahren, und jedes Mal eine Achthundertjahrfeier mit großem Brimborium veranstaltet. Genau so kann man sich für die Kellergänge eine Geschichte ausdenken. Ein bisschen sollten wir Laien uns trotzdem an die Realität halten.“

Roland ist nicht länger gewillt, als Zaungast dem Gespräch zu folgen und mischt sich ein. „An Realität ist gut. Realität ist aber auch, dass die Chroniken aus dem achtzehnten Jahrhundert deutlich ältere Bezüge aufweisen, als wir heute zugestehen. Ich denke da an das Marienstandbild in der Jakobikirche aus dem 10. Jahrhundert oder die Verwüstung der Stadt 923/924. Solche Angaben haben sich doch unsere Altvorderen nicht aus den Fingern gesogen, dafür gab es doch gewiss Belege. Warum werden die alten Chroniken nicht anerkannt?“

„Weil damals mit manch einem Schreiberling auch die Phantasie durchging. Es ist nun einmal so, dass die Geschichte unserer Stadt erst seit dem letzten Viertel des 12. Jahrhunderts nachweisbar ist.“

„Was aber nicht heißt, dass sie nicht noch viel älter sein kann!“

„Das mag sein, aber was bringt es uns, zu sagen, wie alt unsere Stadt ist?“

„Es bringt uns vielleicht nichts, aber was bringt es uns, die Behauptung aufzustellen, sie sei um 1170 gegründet worden? Die Pegauer Mönche werden weder die Ersten gewesen noch allein in die Wildnis gezogen sein, um hier ein Kloster und einen Markt zu errichten. Weder Barbarossa noch Kaiser Lothar hätten in der Einöde einen Markt befohlen. Hier müssen also schon Menschen gelebt haben, um dem Markt eine Berechtigung zu geben, zumal er doch ziemlich abseits der vormaligen Handelsstraßen liegt.“

„Das mag eventuell sein. Trotzdem gehen heute die Historiker eher davon aus, dass die Besiedlung erst mit der Stadtgründung nach 1170 vorankam. Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus muss man dem Recht geben, denn ohne Beweis ist jede andere Behauptung nur eine Hypothese und kein Fakt.“

„Diese Denkweise gefällt mir nicht. Wenn die Kreativität fehlt, dann wird man nie zu neuen Erkenntnissen kommen.“

„Kreativität allein reicht aber nicht aus, mein Freund. Nun, vielleicht erfährst du etwas Neues im weiteren Verlauf?“

Roland dankt mit einem Kopfnicken und geht wieder in den Schulungsraum. Eigentlich hatte er schon vorgehabt, die Veranstaltung abzuhaken und nach Hause zu fahren, aber die Diskussion könnte ihm ja doch noch etwas geben.

Die obligatorische Frage der Veranstaltungsleiterin, ob es noch Wortmeldungen von den Teilnehmern gäbe, wird mit Schweigen quittiert. Sichtlich konsterniert blickt der Referent in die Runde. Er scheint seine Ausführungen doch interessanter zu finden als seine Zuhörer.

Endlich meldet sich schüchtern eine junge Frau aus der hintersten Reihe: „Herr Doktor, nach ihren Ausführungen sind die Pegauer als erste Deutsche in die hiesige Region gekommen. Wie weit war die Besiedlung durch die Sorben zu dem Zeitpunkt schon vorangekommen?“

Der Dozent räuspert sich kurz und holt dann zu einer breiten Erklärung aus, deren Quintessenz schließlich ist, dass er im Wesentlichen auch nicht mehr weiß als von vermuteten Wolfsjägersiedlungen.

,Ach Kinder‘, überlegt Roland, wenn im 18. und 19. Jahrhundert die Chroniken von älteren Ursprüngen berichten als heute zugestanden wird, muss es doch dafür Quellen gegeben haben. Warum zweifeln wir bloß alles an, was die Alten so sicher wussten?‘

„Herr Doktor“, hört er sich zu Wort melden, „ihrem Vortrag entnehme ich, dass sie im Wesentlichen weder aus den archäologischen Untersuchungen noch aus neueren Forschungsarbeiten neue Erkenntnisse über unsere regionale Geschichte gewinnen konnten. Warum in aller Welt benennen sie dann diese Veranstaltung mit den Worten: ,jüngste Erkenntnisse‘? Das waren doch alles Aussagen, die wir schon seit zehn Jahren hören.“ Der Referent zieht mokant die Augenbrauen nach oben. „In der Geschichtsforschung“, näselt er, „gibt es nicht alle Tage neue Erkenntnisse. Aus manchen Funden kann man auf Neues schließen, aber das muss wirklich erst hieb- und stichfest abgeglichen werden. Dafür sind wir Wissenschaftler und so kommt es, dass manche Erkenntnisse noch nach Jahren neue Erkenntnisse sind. Als Laie oder Phantast kann man natürlich alles hineininterpretieren.“

„Aber wieso bezeichnen sie entgegen ihren Kenntnissen gerichtete Aussagen als falsch, sie können doch sehr wohl richtig, jedoch nicht gesichert sein?“

„Ich glaube nicht, dass dieser Disput noch etwas bringt. Sie können ja gern an eine frühere Stadtgeschichte glauben, aber einen Beleg gibt es dafür nicht und damit ist das Ganze wissenschaftlich vollkommen uninteressant.“

 

 

„Ein kräftiges Tiefdruckgebiet über den britischen Inseln führt ein starkes Regenband nach Mitteleuropa. Der Deutsche Wetterdienst hat eine Sturmwarnung ausgegeben. Aufgrund des Temperaturrückgangs unter den Gefrierpunkt ist verbreitet mit Glatteis zu rechnen. Es wird ausdrücklich …“ Roland schaltet das Radio aus und steigt aus dem Wagen. „Lass es von mir aus Kübeln gießen und den Schlossteich zufrieren, ich bin da.“

Eigentlich ist er ja allein, aber er kann es nicht lassen, seinen Kommentar zu äußern. Über diese Eigenart echoviert sich sein Sohn immer wieder aufs Neue. Gern äfft er ihn nach: „So und jetzt muss ich …“ Mit einem Lächeln auf den Lippen schließt Roland den Wagen und lässt die automatische Schließanlage klicken. Während das Licht im Fahrerraum langsam verlischt, geht er zum Garagentor und hebt die lange Haltestange aus der Öse. Eine plötzliche Sturmbö reißt ihm den schweren Flügel aus der Hand, lässt ihn nach außen und letztendlich gegen das Tor der Nachbargarage schlagen. „Du grüne Neune, hier ist Rom offen!“, knirscht er durch die Zähne und springt hinterdrein, um das Tor zurückzuholen. In diesem Augenblick wird der Flügel zurückgewuchtet und, kaum dass er ausweichen kann, fällt er schwer ins Schloss. „Mistwetter verdammtes! Ich breche mir noch die Knochen! Jetzt jagt man doch keinen Hund vor die Tür!“ Vor Schreck erbleicht, lehnt er sich keuchend gegen das raue Holz. Als gleich darauf eine wahre Sturzflut ungebremst herniedergeht, zerrt er am dicken Schlüsselbund in der Jackentasche. Wie um der Situation die entsprechend komische Würze zu verleihen, hat sich der Ring jedoch im Futterstoff verhakt, der sich seinem rohen Zerren nun nicht länger widersetzt  und mit einem grässlichen Reißen nachgibt. Aufgebracht schlägt Roland den Kragen hoch und spürt missmutig, wie das kalte Wasser über den Nacken rinnt. Er hat keinen Blick für das imposante Schauspiel, das ihm die Natur bietet. Der Sturm beugt die langen, schmalen Pappeln, dass sie vor Qual ächzen. Die Sträucher, soweit sie keinen Schutz im Windschatten gefunden haben, verneigen sich vor den entfesselten Elementen bis zum Boden. Die wenigen letzten Blätter der Bäume begingen längst Fahnenflucht von ihren angestammten Plätzen und scheinen gleich Geschossen durch die Luft zu fegen.

Mit einiger Kraftaufwendung stemmt sich Roland gegen den Sturm und erklimmt die drei ausgebrochenen Stufen hoch zu Fahrbahn. Den Blick stur auf die in der Dunkelheit kaum zu erahnende Gartensparte jenseits der Straße gerichtet, sehnt er sich, schnell die wenigen Minuten Weg bis zum wohligen Zuhause zurückzulegen und endlich die Wohnungstür hinter sich zu schließen. Roswitha wird schon den Tisch gedeckt haben. „Und dann einen schönen heißen Tee!“, murmelt Roland vor sich hin, zieht die Schultern fröstelnd hoch und dreht das Gesicht zum Schutz vor dem Unwetter nach rechts. Urplötzlich umfasst ihn gleisende Helligkeit und malt seinen Schatten in bizarrer Länge auf den nassen Asphalt. Den schweren Stoß an der Hüfte, den Flug durch die Luft und den schweren Aufschlag nimmt er schon nicht mehr wahr, nur das Licht erweitert sich zu einer Grelle von hundert Flutlichtmasten.

 

Der Zug zum Miriquidi

Langsam und nur undeutlich, gedämpft wie durch einen Pelz, dringt unverständliches Gemurmel an Rolands Ohren und mühevoll leiten die Nervenstränge die Geräusche in das Gehirn, wo sie hundertfach von pulsierendem Schmerz bedrängt und nur ganz schwach als Wahrnehmung registriert werden.

Gleich einer Gebirgsquelle sprudeln die Eindrücke allmählich immer zügiger und finden endlich ihren Ausdruck im Erkennen. „Mein Gott, das hätte schlimm ausgehen können!“ – „Das ist schlimm ausgegangen! Sieh doch mal die linke Seite an, er blutet wie ein gerissenes Schaf.“ – „Hoffentlich ist im Inneren noch alles an seinem Platz.“ – „Gebe es Gott, dass es ihm nicht wie …“

„Das Geschwätz hilft ihm nicht, ihr Helden! Macht Platz!“ Eine, wenn auch alte, so doch energische Stimme schiebt sich in den Vordergrund. „Komm Rudolf, mach die Augen auf. Du hast lange genug geschlafen, es gibt zu tun!“ Die anderen Stimmen verstummen achtungsvoll und Rudolf bemüht sich die Lider zu heben.

Endlich netzt Tageslicht seine Augen. Die verschwommenen Konturen eines undefinierbaren Gebildes verschieben sich und finden endlich erst die scharfen Umrisse und schließlich als kontrastreiches Erkennen das Gesicht einer uralten, von zahllosen Runzeln gezeichneten Frau. Die hellblauen, kleinen Augen suchen in seinen das Erkennen, während die grau-weißen, dünnen Locken keck unter dem dunklen Tuch hervor um die hohe Stirn spielen. „Na du Meister aller Tagträumer, bist du wieder heimgekehrt aus den himmlischen Gefilden? Sag mir etwas, aber bewege dich nicht, bis ich es dich heiße.“

Auch wenn er es gewollt hätte, seine Gliedmaßen erscheinen ihm unendlich schwer. Während die linke Seite brennt, dringt von unten her eine unangenehme Kühle durch die Kleidung. Mühselig formen seine Lippen Worte, die durch seinen schwachen Atem nur als kaum verständliches Flüstern nach außen dringen. „Was ist passiert, wo bin ich?“

„Herr im Himmel, er wacht auf!“, dröhnt eine gewaltige Bassstimme auf ihn herab, wird aber durch ein Zischen der Alten abrupt beendet. „Lass ihn erst einmal richtig zu sich kommen, Johannes! Hole inzwischen den Wiprecht herbei, ich werde ihn brauchen.“

Während sich eilige Schritte durch das hohe Gras wischend entfernen, bemüht sich Rudolf, den Kopf zur Seite zu drehen. Um sich herum erkennt er einige Männer mit staunenden oder ratlosen Gesichtern. Er findet sich auf einer Wiese liegend, deren Sommergrün dem blassen Teint des Winters gewichen ist. Die entlaubten Baumriesen erlauben den Blick in die Tiefen des Waldes, ohne das ein Ende zu erahnen wäre.

Endlich setzen die Erinnerungen wieder ein. Vor einem Viertelmond war die Kolonne unter Führung des alten Hildebrands aus dem thüringischen Heimattal aufgebrochen. Zwölf große Planwagen, gefüllt mit Saatgut und Teilen der letzten Ernte sowie natürlich dem Hausrat, der am unentbehrlichsten schien, bahnen sich seitdem den Weg durch unberührten Wald, gezogen von jeweils zwei Ochsen. Auf dem Pass der Berge fuhr die Kolonne gemächlich, aber unaufhaltsam gen Osten. Auf den Höhen war die Fahrt noch einfach. Das Unterholz stand nicht so dicht und konnte durch die schweren Gespanne ohne große Probleme überwunden werden. Nur hin und wieder musste die Axt den Weg freischlagen. Heute Mittag jedoch gebot ihm Hildebrand, den nun nach Süden sich hinziehenden Höhen nicht länger zu folgen und hinab in das Tal zu fahren. So hatte er, der er mit seinem Gespann die Spitze des Wagenzuges bildete, mühevoll die Abfahrt gesucht und sicherlich auch gefunden, denn nun liegt er ja hier im Grund des Tales. Aber was ist passiert?

„Na du bester aller Gespannführer unter Gottes Himmel, was hast du angestellt? Wagen zu Tale rollen zu lassen heißt doch nicht hinunter zu fliegen!“ Der eher mittelgroße Wiprecht tritt energischen Schrittes in Rudolfs Blickfeld. Seine braunen, von grauen Fäden durchzogenen Haare stehen vom Kopf ab wie Sonnenstrahlen. Ihm zur Seite trippelt seine Frau Frieda, deren graues Haar von einem Band zusammengehalten wird. Hildburga nickt den beiden Neuankömmlingen zu. „Ihr müsst mir helfen, nicht die offene Wunde scheint Grund zur Sorge zu sein. Ich fürchte um sein Rückgrat, denn er ist auf einen Stein geprellt.“

„Kann er sich denn nicht bewegen?“

„Im Augenblick nicht, aber das mag vielleicht der Schock sein.“ Wiprecht, dessen Kenntnisse und Erfahrungen schon so manchem Tier, aber auch Menschen zur Heilung beigetragen haben, wiegt bedenklich den Kopf. „Da lässt ausgerechnet du mich holen, Mutter Hildburga? Du, deine Mutter, deine Großmutter und wer weiß  welche Ahnin noch, ihr beherrscht doch alle Heilkräuter der Erde und beschwört die Götter unserer Väter! Ausgerechnet du, die du mehr Wissen in dir trägst als wir alle hier zusammen, du willst unseren Rat und unsere Hilfe?“

„Ist schon recht, Wiprecht. In meiner Familie wurde das alte Wissen von Generation zu Generation weitergegeben. Vieles ging aber auch verloren, seit meine Ahnin Freya im heiligen Hain unserer hermundurischen Vorväter den alten Göttern diente. Aber, Wiprecht, bevor wieder ein Priester oder ein Mönchlein mich der Zauberei oder des Götzenanbetens bezichtigen, frage ich lieber doch einen Medicus der neuen Zeit.“

„Ein Medicus bin ich nicht, ich habe das Heilen auch nur von meinen Alten. Aber hier weiß ich auch keinen Rat. Ich kann Brüche schienen und ein bisschen schneiden, aber wenn es der Rücken ist …“

Unbemerkt von dem Wortgeplänkel hat es Rudolf endlich vermocht, erst die Arme und dann die Beine seinem Willen zu unterwerfen. Ein Schrei der Überraschung aber auch des Entsetzens entringt sich den Kehlen all der Anwesenden, als er sich mit einem plötzlichen Ruck aufsetzt. Ein stechender Schmerz fährt ihm durch die linke Seite. Der Rücken aber, der gehorcht. „Jesus und Maria, willst du dich umbringen?“

Frieda steht der Schreck deutlich ins Gesicht geschrieben. Hildburga, der es den Atem verschlagen hat, räuspert sich, schüttelt den Kopf und murmelt heißer: „Nun ist es einerlei. Bewege die Zehen, du Troll!“. Rudolf folgt zögernd der Aufforderung und weil der Erfolg seines Tuns unter dem dicken Leder nicht zu sehen ist, bewegt er schließlich sacht die Knie. „Es geht doch“, murmelt er zurück und verzieht die Lippen hinter seinem Bart zu einem mühevollen, schmerzhaften Lächeln, „ich weiß gar nicht was ihr habt. Hätte ich bis zum Jüngsten Gericht in der Kälte liegen sollen?“

„Nicht sollen, vielleicht hättest du es müssen – wenn dein Kreuz kaputt gewesen wäre, du Held!“, erwidert Wiprecht scharf. „Aber jetzt kannst du auch aufstehen!“ Rudolf schaut ihn betroffen an. Solch harte Worte hat er nicht erwartet, eher Anerkennung oder gar offenes Lob. Er ist es gewohnt, Schmerzen zu überwinden und seine Vorhaben auch dann auszuführen, wenn weichere Naturen aufgegeben hätten. Die kümmerliche Landwirtschaft seiner Eltern forderte ganze Kerle, sonst wäre die Familie längst untergegangen.

„Lass mal, Wiprecht“, wirft Frieda ein, „woher soll er wissen, dass er nun auch lahm sein könnte? Er kennt doch wie sein Vater und seine Brüder allemal keine Rücksicht gegen sich selbst!“

„Über diese Härte ist eure Mutter fast zerbrochen!“ Wiprecht ist nicht bereit, so schnell Frieden zu geben. „Also los, du Eisenmann, steh auf!“

Als Rudolf, dem Schmerz ausweichend, sich nach rechts beugt sich abzustützen, um auf die Beine zu kommen, gebietet Hildburga mit einem energischen Handzeichen zu verharren. „Nicht ganz so schnell, erst sehe ich mir die linke Seite an. Wenn dort Schmutz in die offene Wunde kommt, kann es sein, dass du dir den Wundbrand holst oder eine Blutvergiftung.“ Ohne auf seine Abwehr zu achten, hilft ihm die Alte, den Kittel abzustreifen. Hautabschürfungen ziehen sich von der Achselhöhle bis zur Taille, wo sie in eine klaffende Wunde übergehen. Die Blutung hat inzwischen nachgelassen. „Na ja, direkt lecker sieht es ja nicht aus“, meint Wiprecht, „aber richtig ausgewaschen und dann ein paar Kräutlein darauf dürften reichen, dass es heilt.“

Sogleich hat Frieda ein Läppchen aus ihrem Täschchen geholt und eilt hinüber zu dem Bach, es zu nässen. Währenddessen kramt Wiprecht in seinem Beutel, der mit den verschiedensten Kräutern gefüllt ist. Im Verlaufe der Fahrt und insbesondere bei den Aufenthalten hat er am Wegrand und an den Rastplätzen gesammelt, so wie er es seit eh und je hielt.

Nachdem Frieda die Wunde gesäubert hat, legt Wiprecht die Blätter und Kräuter auf, die ihm geeignet und hilfreich erscheinen. Hildburga reißt inzwischen Stoffbahnen und legt endlich dem Verletzten den Verband an.

Als Rudolf seinen Kittel übergestreift hat, erhebt er sich ächzend. Während Wiprecht seine Sachen zusammenpackt fragt er die alte Helferin mit hochgezogenen Brauen:  „Warum hast du das nicht allein erledigt, Mutter Hildburga? Du kennst dich doch nicht schlechter aus als ich. Deine Mutter war schon eine geschickte Heilerin, so wie es schon deren Mutter gewesen sein soll und auch du wirst es nicht minder sein können. Warum willst du nun keine Heilerin sein?“

Traurig schüttelt die Alte den Kopf. „Es ist heute besser, nicht zu viel preiszugeben. Auch du hast es wohl gemerkt, dass mich der Pater zu Hause nicht mochte. Als Ungläubige und Götzendienerin hat er mich beschimpft und die Leute gegen mich aufgehetzt. So wird es mir und allen alten Heilerinnen immer gehen, ja es wird noch schlimmer werden. Die Kirche hat Angst vor unseren alten Göttern und vor unserem alten Wissen. Deshalb, Wiprecht, nehme ich die Qual dieser Reise auf mich. Habe ich jemals etwas Böses getan? Trotzdem werde ich angefeindet, wenn ich vor Unheil warne, ja mir wird die Schuld daran zugeschoben.“

„Und du meinst, dass es dort besser wird, wo wir hin wollen?“ Wiprecht schüttelt den Kopf. „Die Mönche und die Priester verkünden überall den rechten Glauben – sagen sie.“

Hildburga nickt lächelnd. „Das mag schon stimmen, aber wir ziehen in die Wildnis und dort hat die Kirche noch nicht so recht Fuß gefasst. Die Gegend heißt Fegunna – Waldgebirge. Hier waren in Vorzeiten schon einmal unsere Ahnen, allerdings weiter im Norden, am Rande dieses endlosen Waldes. Sie nannten ihn den Eichenwald und die Römer übersetzten den Namen in ihre Sprache als Arkynia. Keiner traute sich tief hinein und schon gar keiner hindurch. Unsere Ahnen nannten sich noch Hermunduren. Deren Mutigste waren immerhin soweit nach Süden vorgedrungen, dass sie auf die schroffen Berge stießen, deren Unterholz eher dichte Hecken als Sträucher waren. Es war eine besonders lohnende Jagdgegend. Und sie kannten auch die Höhlenberge, die nun unser Ziel sind.“

Wiprecht krault sich nachdenklich den Bart und meint dann: „Woher willst du das Wissen, Alte? Du denkst dir doch nur Geschichten aus“. Stolz wirft Hildburga den Kopf nach hinten, drückt den gekrümmten Rücken etwas durch. „Im Gegensatz zu den Leuten, die nur über andere tratschen, wurden bei uns abends Geschichten über unsere Vorfahren und unser einst so mächtiges Volk erzählt. So haben wir unser Wissen bewahrt. Da ich aber nun die Letzte in der langen Reihe meiner Familie bin, wird all das Wissen nun mit mir untergehen. Nur ein paar Brocken bleiben bei dir und den anderen, bis auch diese verbleichen. Aber eines erhoffe ich noch: keine garstigen Anfeindungen mehr von den Priestern des neuen Glaubens.“ Damit dreht sich die Alte um und stapft davon.

Wiprecht hebt die Schultern und wendet sich an seine Frau: „Wo soll das nur hinführen? Da hat jemand so viel Wissen in sich und will es doch nur um seiner eigenen Sicherheit Willen verbergen.“. Frieda legt ihm die Hand liebkosend auf den Arm. „Ach Wiprecht, sorge dich nicht. Mutter Hildburga wird ihren Frieden finden. Vielleicht sollten wir uns mehr um sie kümmern und vor allem ihr reiches Wissen zu erringen suchen.“

„Da magst du wohl recht haben“, Wiprecht legt seine Hand fest auf die ihre, „denn mit jedem Stück Wissen, das verloren geht, wird die Menschheit ein Stück zurückgeworfen. Wenn wir altes Wissen und neue Erfahrungen vereinen, kommen wir mit Riesenschritten voran.“

Rudolf hat inzwischen seinen Wagen umrundet. Der Anblick des Gefährtes stimmt ihn nicht froh. Beide Vorderräder sind zerbrochen und die Naben sitzen auf dem Boden auf. Die Speichen liegen entlang der Fahrspur, als hätte irgendwer alte Runen geworfen. Vor den Hinterrädern liegt eine rundgewaschene Steinschwelle, als wollte sie jegliche Passage verhindern. Das Ladegut auf dem Wagen hat sich verschoben und drückt gegen den derben Stoff der Plane. Es mutet wie ein Wunder an, dass die Spriegel gehalten haben. Die Ochsen stehen emotionslos an der Deichsel und knappern an den Blättern eines Astes, der ihnen direkt vor den Mäulern platziert ist. Hinter dem Wagen spannt sich eine Kette straff vom Wagenboden in das hohe Gras, wo sie am längs liegenden Bremsbalken endet. Die zweite Kette, die eigentlich den Balken quer zur Fahrtrichtung hält, baumelt zerrissen nach unten.

„Nun weißt du, wie es zu dem Unfall gekommen ist.“ Die kräftige Stimme von hinten reißt Rudolf aus seinen Betrachtungen. „Auf halber Höhe hat sich der Bremsbalken an einem Baumstamm verfangen. Darum ist die Kette gerissen und der dann ungebremste Wagen hat die Rindviecher ins Tal geschoben. Nur gut, dass sie sich nicht die Knochen an dem Fels gebrochen haben. Schlimm ist nur, dass die Räder hinüber sind.“ Es ist Reinhold, der aufgrund seiner großen Erfahrungen als Fuhrmann eine wichtige Stütze für Hildebrand, den Kolonnenführer, ist. Er fährt seit Jahren zwischen dem Rhein und der Sorbenmark als Händler. Für Hildebrand muss es ein Glücksfall gewesen sein, dass Reinhold mit dem Handel nicht mehr ausreichend Einkommen fand und bereit war, sich mit seiner Familie dem Treck anzuschließen. Nicht nur seine Erfahrungen als Fuhrmann, sondern auch die Tatsache, dass der Enddreißiger die Sprache der Sorben versteht, macht ihn für die Kolonne so wichtig. „Glücklicherweise konnten wir die nachfolgenden Gespanne im Bogen herunterholen. Es hätte leicht mehr passieren können. Aber komm jetzt, Hildebrand hat die Wagenführer zusammengenommen. Wir müssen beraten.“

 

Die schweren Planwagen bilden auf der langgezogenen Lichtung entlang des Bachlaufes einen großen Kreis, in dessen Mittelpunkt Schieferplatten das Gras unterbrechen. Die weiße Herbstsonne senkt sich bereits hinter die Wipfel der uralten Eichen, mit den kahlen Ästen der Baumriesen bizarre Muster auf die Lichtung malend. Kraftlose Sonnenstrahlen lassen kaum eine Erwärmung  des Bodens zu und ein fröstelndes Hochziehen der Schultern deutet bei einigen Männern die Gemütslage an. Um wie vieles würden sie jetzt lieber um das Herdfeuer einer gemütlichen Hütte sitzen als hier im Freien. Bald schon werden die Fröste den Boden aushärten und an ein festes Dach über den Kopf ist noch nicht zu denken. Eigentlich ist es ja die denkbar ungünstigste Zeit für die Umsiedlung in das unbekannte, unerschlossene Land. Sie hätten lieber warten sollen, bis die schlimmsten Fröste vorbei sind und im Frühjahr den Neubeginn wagen sollen. Aber die Reise ins Ungewisse entsprang nicht allein ihrem Willen. Es soll wohl ein Befehl König Heinrichs gewesen sein, dass sie zu so unbilliger Zeit aufgebrochen sind.

Hildebrand ist als Kolonnenführer sehr auffällig inmitten seiner Männer. Nicht nur dass er bereits in der zweiten Hälfte  des vierten Lebensjahrzehnts steht und dementsprechende Merkmale des Alters mit sich trägt, sein Selbstbewusstsein und seine Autorität sind unverkennbare Anzeichen der anerkannten Führerrolle. „Hört gut zu“, beginnt er, als alle beisammen sind. „Der Unfall von Rudolf ist eine ernste Angelegenheit, die uns gehörige Probleme bereitet. Andererseits gibt uns dieser verfrühte Etappenschluss die Möglichkeit, über unser weiteres Vorgehen zu beraten.“

Die Blicke der Fuhrleute hängen gespannt an seinen Lippen, denn Genaueres über die besonderen Begleitumstände ihrer mühevollen Reise wüssten sie doch gern. Freilich, zu Hause im Thüringischen war das etwas anderes. Dort waren sie die Kleinsten der Kleinen, die Überzähligen. Die Höfe der Eltern vermochten sie nicht mehr zu ernähren und es bestand nicht die geringste Aussicht, einen eigenen Hof zu erwerben. Aber – und darum sind sie in die Wildnis aufgebrochen – hier sind sie die Erschaffer neuer Lebensräume. Hier sind sie wer und niemand schaut voll Verachtung auf sie herab. „Ja, letztendlich kommt uns der Unfall gar nicht so ungelegen“, fährt Hildebrand fort, „denn wir müssen dringend den Zug neu organisieren.“

„Freilich, was dein Liebling auch anstellt“, gellt eine grelle Stimme aus der Reihe der Männer, „es ist immer zu unserem Vorteil. Wir hätten noch gut eine Stunde fahren können und sicher wären wir dann aus dem Wald heraus!“ Beifallsheischend schaut Heribert mit hochrotem Gesicht in die Runde. „Geheuer ist es hier nicht. Ganz sicher wimmelt es hier von bösen Geistern. Vorhin am Hang haben mich Augen angestarrt, die waren halb so groß wie Wagenräder und ganz starr!“

„Halte doch dein verdammtes Maul, du Schisshase!“, wirft der Hüne Johannes ein. „Starrende Augen sind ja wohl immer starr, du Dummkopf. Und warum bei allen Göttern hast du nicht gleich gesagt, dass wir beobachtet werden? – Wenn es überhaupt so ist!“ Die Männer stoßen sich untereinander an, denn Heribert ist in der Gemeinschaft das Pickel auf der Nase. Seine geringe Körpergröße versucht er beständig  mit Streitsucht und Prahlerei auszugleichen.

„Lass gut sein“, wirft Hildebrand ein, „wir alle kennen Heribert. Er mag so manchen Mann zu reizen gewillt sein und das stört wohl. Aber wir brauchen ihn gerade jetzt!“ Die Worte lassen den Kleinen um eine Handbreite wachsen, das hat der Wichtigste unter ihnen gesagt, dass er – Heribert – gebraucht wird! Hildebrand holt tief Luft. „Auch ich habe die Augen gesehen, allerdings nicht so groß und es war da noch ein Mann dran.“

 

Überraschung malt sich auf die Gesichter und so manche Hand greift zur Axt am Gürtel. „Ihr wisst, dass wir hier mit den Sorben rechnen müssen, denn wir sind hier in ihrem Gebiet. Der Beobachter wird wohl ein Jäger sein. Aber wir müssen unsere Aufmerksamkeit verstärken, denn es werden noch mehr auf uns stoßen und wer weiß schon, ob wir ihnen willkommen sind!“

Heribert, der eben noch ganz stolz dreinblickte, dreht nun furchtsam das Gesicht in alle Richtungen, jederzeit mit dem Angriff wilder Horden rechnend. Unruhig rutscht sein Gesäß  auf dem weichen Boden hin und her.

Hildebrand ruft ihn mit einem strengen Blick zur Ruhe und setzt fort. „Jetzt ist noch keine Gefahr, denn der Fremde muss ja sicher erst zu seinen Leuten und Warnsignale hat es nicht gegeben. Bis morgen werden wir wohl Ruhe haben. Aber ab sofort wird das Lager streng gesichert. Die Frauen und die Kinder bleiben in der Wagenburg. Heribert wird ab dem Morgengrauen nicht mehr sein Gespann führen, sondern auf dem ersten Wagen als Beobachter mitfahren, denn er hat die schärfsten Augen. Wenn alles gut geht, erreichen wir morgen mit Sonnenuntergang die Höhlenberge und sind am Ziel. Wir werden dort nicht die Ersten sein, denn aus unserem Volk haben sich dort bereits Soldaten deutscher Herkunft festgesetzt. Ihnen bringen wir Verpflegung und Mittel, die sie für den Winter brauchen. Wir werden dort bleiben und als Bauern im nächsten Jahr dafür sorgen, dass unsere Krieger ihre Aufgaben erfüllen können, gegebenenfalls werden wir selbst Krieger sein.“

Ungläubig schauen ihn die Fuhrleute an. Dass sie ein Wagnis eingegangen sind, als sie sich auf den Treck begaben, war ihnen immer bewusst, aber dass sie als friedliche Bauern auf einmal Kriegsreserve sein sollen, scheint ihnen ungeheuerlich.

„Soll das heißen, dass wir die Sorben erst verjagen müssen, um dann deren Höfe zu besetzen?! Ich bin Bauer und nicht Krieger!“, empört sich der Rotschopf Georg und die anderen schmunzeln ob seiner friedliebenden Selbstdarstellung, denn Georg neigt gern zu Handgreiflichkeiten und vermag durchaus mehrere Männer in Bedrängnis zu bringen.

 

Hildebrand lacht leise und antwortet dem Empörten: „Die Sorben lassen wir schön in Frieden. Die sind hier nur vereinzelt und lassen uns genug Platz. Ihre Siedlungen liegen wohl mehr im Norden. Aber sie haben ein großes Problem mit uns gemein. Jedes Jahr kommen die Panonier über die Berge. Niemand kennt ihre Wege durch den Urwald. Urplötzlich kommen sie, durch die Sorbengau ziehend und brennen dann unsere Heimat. Nun sind zu mehreren unwegsamen Gegenden unsere Leute auf dem Weg, um den Teufeln auf ihren kleinen struppigen Pferden Fallen zu stellen. Gleichzeitig gewinnen wir dabei unser Siedlerland. Und wenn alles gut geht, stehen wir bald besser da denn je.“

Die Männer nicken zustimmend. Wenngleich sie bislang noch keinen dieser Krieger aus dem Süden gesehen haben, ist ihnen doch schon so manche Gräueltat im Saaleland zu Ohren gekommen. Hildebrand entwickelt ihnen seinen weiteren Plan für die voraussichtlich letzte Etappe bis zum Ziel.

 

*****

 

 

Über Nacht ist es erheblich kalt geworden. Als der Morgen anbricht, überzieht Raureif die Wiese mit den Wagen, die im Nebel nur undeutlich auszumachen sind. Die näheren Baumriesen sind nur als bizarre Gebilde zu erahnen, die scheinbar eine milchig-graue Unendlichkeit stützen. Kein Laut tönt über das leise Knistern des kleinen Feuers auf der Felsenplatte, dessen rötlich-gelber Schein sich mühevoll seinen Weg durch die Schwaden bahnt. Als ob die Natur die Mühen der Reisenden vor den Blicken Fremder verbergen möchte, hat sich wohl ein Wolkenband gnädig auf die Ruhenden niedergesenkt. In jeder Himmelsrichtung lehnt ein Wachposten am Wagen und starrt angestrengt in die trübe Dämmerung, mehr den Ohren denn den Augen trauend, denn im Nebel erscheinen die seltsamsten Gebilde im Zusammenspiel der Schatten. Endlich durchbricht das tiefe Brummen eines Ochsen die geisterhafte Stille und gleich darauf beherrscht ein reges Leben das Lager.

Während die Frauen das Morgenmahl bereiten, toben die Kinder bereits zwischen den Wagen herum. Die Männer, soweit sie nicht mit der Sicherung des Lagers betraut sind, entladen Rudolfs Wagen, um die zerschlagenen Räder wechseln zu können. Rudolf selbst vermag mit seiner Verwundung nicht, die schweren Kisten und Säcke zu bewegen und so ließ er sich von Hildebrand zur Wache einteilen.

„Dieses Wetter ist nur gut für böse Geister! Alles ist klamm, man sieht nichts und draußen schart sich das Böse um uns!“, zetert Johanna und rumort mit ihrem irdenen Geschirr im Bach. Und damit alles zusammenkommt, wird es bald anfangen aus Kübeln zu gießen!“ Mit ihren von der Kälte geröteten Händen zieht sie den Krug durch das Wasser und lässt ihn an die Steine schlagen.

Gerlinde, die neben ihr steht, schaut auf die Wütende und meint ein wenig mokant: „Du scheinst mir die rechte Wetterfee zu sein! Mit dem Nebel kennst du dich wohl gut aus, he? Du wirst noch in deiner Rage den Krug zerschlagen und dann wird dir dein Gerhard schon Maß nehmen!“. Johanna zwingt sich, den Zorn zu mäßigen. Ein zerbrochener Krug, das wäre – wenn schon keine Katastrophe – so doch ein ziemliches Unglück. Wo sollte man hier in der Wildnis einen neuen herbekommen und ihr zappeliger Gerhard ist gewiss nicht der Mann, der töpfern kann.

Gunhild, die beim Näherkommen den Wortwechsel verfolgt hat, wirft ein: „Der Nebel ist nicht das Schlechteste, was uns widerfährt, denn er verbirgt uns vor neugierigen Blicken. Wenn ihr natürlich noch eine Weile herumschreit, weiß bald das gesamte Sorbenland, dass wir hier sind. Und der Nebel, Johanna, der wird sich bald heben und dann haben wir den schönsten Sonnenschein bis zum Abend.“

„Was denn, noch eine Wetterprophetin?“, mengt sich Else ein. Die rundliche Frau schiebt sich zwischen die anderen und tritt mit den nackten Füßen in das eisige Wasser. Die Derbheit ihrer plumpen Füße, ihr fester Tritt und ihre Korpulenz gestatten ihr, der Strömung standzuhalten und problemlos auf dem glitschigen Gestein einen festen Stand zu finden. „Was interessiert das Wetter? Ändern können wir es ohnehin nicht. Also wasche ich mich lieber richtig kalt und bin für den ganzen Tag warm und gut durchblutet.“ – „Und wir trinken dann dein Waschwasser, du Ferkel!“, ärgert sich Gunhild. „Drei Schritte weiter kannst du von mir aus ein Bad nehmen!“ – „Lieber nicht“, Gerlinde kann sich die Boshaftigkeit nicht verkneifen, „dann steht ja gleich die ganze Aue unter Wasser.“

Sicher wäre es zu handfestem Streit zwischen den Frauen gekommen, würde nicht in diesem Augenblick Hildebrands Stimme herüberdringen: „Ihr könnt von mir aus noch bis heute Mittag hier herumtoben und ganze Bärenfamilien in die Flucht schlagen! Aber wenn nicht ganz schnell das Essen fertig wird, dann geht es mit leerem Magen weiter!“

Hastig kommt seine Frau herübergelaufen. Gerfriede behauptet unter den Frauen ihre Führungsrolle souverän, was natürlich mit auf die Position ihres Mannes zurückzuführen ist. Aber auch so verleiht ihr das höhere Alter, ihre Klugheit und ihr bestimmtes Auftreten eine nicht zu übersehende Autorität. „Jetzt lasst das Gezänk, ihr Weibsbilder! Für so kleine Rangeleien ist keine Zeit, wir müssen uns beeilen!“ Die Vernunft ist es, die die Frauen schnell an ihr weiteres Tagewerk gehen lässt. Wie sie es seit Beginn der Fahrt gewohnt sind, teilen sie sich in die Aufgaben, denn eine Haushaltung wie am festen Wohnsitz wäre viel zu aufwendig. Außerdem schweißen die gemeinsamen Erlebnisse die Familien trotz  aller Unterschiede fest zusammen.

Als die ersten Sonnenstrahlen ganz nach Elses Worten zaghaft durch den Nebel finden, sind die Wagen wieder voll beladen und die Ochsen angeschirrt. Peitschenknallen und schallende Ho-ho-Rufe künden lautstark vom Aufbruch. Ein paar ältere Jungen und Mädchen gehen der Kolonne voran und schlagen das störende Geäst von der vorgesehenen Trasse, die von der Spur der Vorhut markiert wird.

Ein gutes Stück weiter, aber immer noch in Sichtweite, schreitet Reinhold voraus, die Befahrbarkeit des Bodens  prüfend und die Sicherheit der Kolonne in Fahrtrichtung im Auge behaltend. Sein Fuhrwerk hat er Ludwig, seinem ältesten Sohn anvertraut, der mit seinen sechzehn Jahren doch recht geschickt den Wagen zu führen weiß. Da das Tempo des Zuges von den trottenden Rindern bestimmt wird, fällt es Reinhold nicht schwer, die Trasse festzulegen und gleichzeitig das Umfeld gründlich zu beobachten. Freilich wäre es zweckmäßiger, würden Späher im weiten Umkreis die Beobachtung übernehmen, aber dafür sind sie zu wenige Leute. Der Wald an sich ist ganz einfach zu dicht, als dass ein einzelnes Augenpaar alles überblicken könnte.

Hildebrand hat das Problem zwar deutlich unterstrichen, aber eine andere Lösung konnten sie für ihre Sicherheit nicht finden, schließlich sind sie ja kein Heerwurm, sondern Siedler auf dem Treck. „Ohne Risiko kommen wir nicht weiter, wir müssen auf Gott vertrauen!“, hatte er seine Unterweisung beendet. Nur gut, dass die Halbwüchsigen die Fahrt als ein Abenteuer betrachten und entlang des Randes der Schneise mehr oder weniger aufmerksam spähen. Aber schon bald wird die Kolonne wieder in den Wald eintauchen müssen und dann ist die Beobachtung kaum noch möglich. Dann kommt es sehr auf das scharfe Auge von Heribert an, der in der Wagenreihe nun doch von seinem Gespann aus, das an zweiter Stelle rollt, die Schatten der riesigen Bäume mit geschärften Sinnen und Adleraugen zu durchdringen vermag.

Am Schluss des Wagenbandes spähen der kleinwüchsige Matthias und seine nicht minder kleine Frau Sabina mit größter Aufmerksamkeit. Beide sind keineswegs ängstlich und Hildebrand hatte keine Mühe, als er ihnen diesen besonders gefährdeten Platz zuwies. Reinhold stellt sich vor, wie kompliziert die Lage im Falle eines Überfalls für die Letzten sein muss. Die Ersten können wenigstens nach vorn oder zur Seite die Initiative ergreifen, aber das letzte Fahrzeug wird vom vorherfahrenden blockiert und kann eigentlich nichts tun, als sich dem Kampf zu stellen.

Reinhold schrickt auf und ruft einen der Burschen herbei. „Lauf hinter zu Meister Hildebrand. Er soll die Abstände zwischen den Fuhrwerken auf zwei bis drei Gespannlängen vergrößern lassen, damit sie bei Gefahr reagieren können!“ Der Junge flitzt los und kurz darauf bekunden die Rufe von Fahrzeug zu Fahrzeug, dass der Gedanke aufgegriffen und umgesetzt wird.

 

Als die Sonne langsam am klarblauen Himmel auf den niedrigen Zenit zustrebt, ist die Bachaue gleich einem Trichter so verengt, dass gerade noch zwei Wagenbreiten das sprudelnde und gurgelnde Wasser rechts und links mit sumpfigen Grasnarben einen wenig Vertrauen einflößenden Saum bilden.

Die Mäander zwingen die Ochsen, ihre schwere Last in häufigen Bögen durch weichen Grund und dann wieder über scharfkantigen zu ziehen. Das weiße, kraftlose Sonnenlicht ringt mit den schweren Schatten der kahlen Eichen und Buchen und malt auf den spätherbstlichen Boden ein wirres Muster. Trotz der mittäglichen Zeit vermittelt der endlose Wald den Reisenden ein gewisses Unbehagen, das durch das Krächzen der Rabenvögel noch verstärkt wird, wenn sie beim Näherkommen in Scharen mit schwerem Flügelschlag aufsteigen.

Besorgt schaut Rudolf zum Himmel. „Die Luft ist zu klar, kein Wölkchen ist zu sehen und außer von den Krähen ist kein Ton zu hören. Das sieht mir sehr nach Frost und Schnee aus!“ Mühselig versucht er in seinem straffen Verband, den Oberkörper zur Seite zu beugen, um am vorausfahrenden Fahrzeug vorbeizuschauen. Ein stechender Schmerz in der linken Hüfte lässt ihn schnell wieder lotrecht und steif wie ein Wurfspieß sitzen.

„Ist wohl noch nichts mit Tanz und galanten Verbeugungen vor den Schönheiten, wie?“, kichert die alte Hildburga an seiner Seite. „Bleib nur immer schön ruhig sitzen, mein Jungchen. Um das Wetter muss dir nicht bange sein. Heute noch erreichen wir das alte Kastell auf dem Höhlenberg und dort werden wir es sicher schön warm haben.“

Überrascht blickt Rudolf in das runzlige Gesicht seiner Begleiterin. „Welches Kastell, Alte? Waren hier etwa auch die Römer mit ihren Heerlagern? Wieso willst du überhaupt davon wissen, wenn du noch nie hier gewesen bist?“

Ein überlegenes Lächeln erhellt ihre von zahllosen Erfahrungen gezeichneten Züge. Wie sollen die jungen Leute je ihre Ahnungen begreifen, wenn selbst Alte sich ihnen in Befangenheit stumpfen Alltagsdenkens sperren? Zu sehr ist die Gewohnheit verbreitet, das Unerklärliche als unmöglich abzutun. „Du weißt, dass in meiner Familie das Wissen von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Meine Großmutter hat mir in meiner Kindheit schon von meiner Urgroßmutter erzählt, dass deren Vater als junger Krieger in den fernen Osten aufgebrochen war, um in der Wildnis des Waldgebirges den Sorben zu trotzen. Sie errichteten am Eingang eines riesigen Talkessels auf einem Bergsporn eine Burg, auf die sie sich zurückziehen konnten, wenn Gefahr drohte. Entlang eines Flüsschens im Tal hatten sie Felder angelegt. Im Berg aber waren Höhlen, in denen sie die Ernte aufbewahren konnten. Es war wohl ein halbes Menschenleben vergangen, als dann mein Vorfahr heimgekehrt ist.“

Rudolf findet die Geschichte beeindruckend. Mutter Hildburga versteht es, fesselnd zu erzählen. „Aber das ist ja schon Jahrhunderte her. Warum hat dein Ahn nicht die Familie nachgeholt und hatte er kein Interesse, das urbare Land zu erweitern?“ Die Alte schüttelt den Kopf. „Die Zeit war noch nicht reif. Wer zieht schon in die Ferne, wenn zu Hause alles friedlich ist. Die Sorben siedelten sich weiter im Norden an. Nur wenige kamen zu den Unseren. Eine Besiedlung der Wildnis erschien unserem Volk nicht mehr sinnvoll. Als dann noch ein gewaltiges Hochwasser das Flüsschen zum reißenden Strom anschwellen ließ, wurde die gesamte Erne verdorben. Darum kehrten die Männer zurück.“

„Und wer sagt dir, dass wir eben in diese Gegend ziehen?“, fragt der junge Fuhrmann skeptisch. „Wie willst du wissen, dass wir eben an jenen unheilvollen Ort ziehen, wo aus einem mageren Bächlein plötzlich ein mächtiges Flutwasser wird?“

„Wirst es schon sehen, du Schlaubart. Unser Ziel sind die Höhlenberge. Und wo haben unsere Ahnen ihre Ernte gelagert? So viele Höhlenberge gibt es nicht. Sie waren am Eingang eines riesigen Talkessels. Siehst du nicht, dass sich hier die Höhen allmählich nach Süden wenden und vor uns kaum noch Erhebungen auszumachen sind?“

„Aber Mutter Hildburga“, lacht Rudolf, „in einem Gewässerlauf – und sei es ein noch so mageres Rinnsal – hebt sich niemals ein Berg. Und wenn du meinst, dass sich die Berge zurückziehen, können sie sich doch schon bald wieder unserem Pfad zuwenden. Nur verwehrt uns der Wald den Blick darauf.“

„Warten wir doch einfach ab, die Zukunft wird zeigen, wer im Recht ist.“ Die Alte ist sichtlich pikiert. „Man sollte durchaus hin und wieder auf die Geschichten am heimischen Herd vertrauen, aber dafür habt ihr jungen Leute keinen Sinn! Nur was ihr greifen könnt, lasst ihr als wahr gelten. Ihr würdet gar den Wind leugnen, weil der bekanntlich nicht zu fassen ist.“

„Aber Mütterchen“, lenkt Rudolf ein, „so war das doch nicht gemeint. Ich will dir schon die Geschichte glauben, aber wer sagt dir, dass wir am gleichen Wege sind?“

Gerade will Hildburga zu einer weiteren ihrer uralten Geschichten anheben, als vom Wagen hinter ihnen mit panischem Zittern die sich überschlagende und nervenaufreibende Stimme Heriberts an die Ohren der Reisenden dringt: „Aufgepasst, da drüben am Bach sind sie!“. Ruckartig fliegen die Köpfe der Fuhrleute herum in die angegebene Richtung. Aufgeregte Stimmen der Eltern beordern die spähenden Jungen an die Wagen. Doch keiner der Männer, Frauen und Kinder vermag das Objekt von Heriberts Aufregung auszumachen. Besorgte Worte schwirren von Wagen zu Wagen und tragen doch zu keiner Beruhigung bei. Endlich entschließt sich Hildebrand, die Fahrt zu unterbrechen.

Während die Männer mit geschärften Sinnen, die Faust fest um den Axtstiel schließend, aufmerksam in den Wald starren und die Frauen mit den Kindern hastig unter den Planen verschwinden, eilt Hildebrand nach vorn zum totbleichen Heribert, der noch immer mit zitternden Händen in den Wald zeigt. „Da …, da …“, stammelt er und kann kein klares Wort hervorbringen. Aus seinem Wagen dringt ein angstvolles Wimmern und lässt den Mann noch mehr die Knie schlottern.

Schließlich verliert der Kolonnenführer die Geduld.  Er fasst den Kittel des Stotternden, zieht ihn mit einem Ruck an sich herunter, und gleich darauf lässt eine schallende Ohrfeige den Stammelnden verstummen. Selbst Mathildes Wimmern findet in einem langgezogenen „Iih…“ sein Ende. „Jetzt gib endlich einen klaren Satz von dir, du Jämmerling! Was hast du gesehen?“ Die kraftvolle Stimme steigert sich innerhalb dieser wenigen Worte zu einem wahren Donnern.

Noch immer vor Angst schlotternd, jedoch von diesem jähen Angriff wieder zur Reaktion befähigt, würgt der schmächtige Mann: „Da war er wieder, der weiße Riese mit den Glotzaugen. Dort zwischen den Bäumen stand er und hat zu uns herüber gesehen. Und ihm zur Seite standen wenigstens fünf kleinere Männer, die ihm gerade bis an die Hüften reichten.“

Heribert blick scheu hinüber: „Es werden noch mehr werden und dann machen sie uns den Garaus!“ Als Hildebrand finster die Brauen zusammenzieht und einen Knurrlaut ausstößt, zuckt der Feigling spürbar zusammen und versucht, dem festen Griff zu entkommen. Gleichzeitig erhebt sich wieder das kreischende Gejammer aus dem Wagenkasten.

„Jetzt ist es gut, schweigt!“ Fast leise, aber in seinem kalten Zischen umso bedrohlicher, hört sich die Stimme des Anführers an. Heinrich, der von seinem Wagen nach vorn geeilt war, greift nach dem Arm des Wütenden. „Den änderst du nimmer. Seine Beine werden immer braun bekleckert sein. Aber wenn dort niemand war, dann weiß jetzt auf sieben Meilen jeder, dass wir hier sind!“ Der Ältere nickt zustimmend. „Stimmt, eine direkte Überraschung sind wir wohl nicht mehr, wenn wir es denn je waren. Aber wir müssen wissen, woran wir sind! Schau nach, ob du dort Spuren findest, nimm dir aber Theobald mit zur Sicherung!“

Eilig läuft der mittelgroße, etwas schlaksig-verwegene Mann los, um seinen nur wenig älteren, aber schon steingrau gefärbten Freund, vom hinteren Teil des Trosses zu holen. Bald schon sieht man die beiden Gefährten in das Unterholz des Waldes eintauchen. Geschickt winden sie sich, einander sichernd, durch das Gestrüpp der Sträucher. Wäre nicht das unvermeidbare Rascheln des Laubes auf dem Boden, könnte man sie für Schatten halten. Mit geradezu geisterhafter Beweglichkeit nähern sie sich im großen Bogen dem beschriebenen Platz. Es dauert dann nur wenige Augenblicke, bis die beiden auf direktem Weg zurückkehren.

„Heribert scheint richtig gesehen zu haben, dort sind tatsächlich Spuren im Laub zu sehen. Einer wird auf dem schräg liegenden Stamm gehockt haben und einige standen darunter. Ich denke, so um die fünf Männer werden es gewesen sein.“ Heinrich nickt seinem Freund zu. „Theo versteht etwas vom Spurenlesen.“

Hildebrand will gerade sein Wort erheben, als von der Spitze der Kolonne her ein schriller Pfiff sein Ohr erreicht. Die aneinander gereihten Tonhöhen verkünden eine Besonderheit am Weg, ohne auf Gefahr zu verweisen. Überrascht wenden die Männer ihre Blicke in Fahrtrichtung, vermögen jedoch nichts Ungewöhnliches zu erkennen.

Aus dem Schatten der Bäume löst sich die Gestalt eines Jungen, dessen nackte Waden eilig das gebeugte hohe Gras teilen. Die Spuren der Vorhut missachtend sucht der kleine Läufer die Bögen auszusparen und den kürzesten Weg zu nehmen. Die angewinkelten Arme schwingen emsig im Takt der schnellen Schritte, das zerzauste schulterlange blonde Haar weht im Wind und das Gesicht ist von Kälte wie vor Anstrengung gleichermaßen gerötet, als er auf Rufweite herangekommen ist.

„Herr Hildebrand“, klingt die Knabenstimme dünn herüber, „kommt schnell, da vorn ist …“ und noch bevor er den Satz beenden kann, strauchelt er und ist im gleichen Augenblick im hohen Gras verschwunden. Statt seiner stiebt ein grauer Schatten in Windeseile zur Seite weg und noch ehe ein Blick ihn klar erfassen kann, ist er wieder im Gras verschwunden.

„Das war doch Bernhard!“, krächzt Heribert und hat mit einem Schlag all seine Angst vergessen. „Mein Sohn, was ist mit ihm?“ Von Sorge getrieben, springt er vom Bock, eilt der Stelle zu, wo der Junge verschwunden war. „Bernd!“, gellt der Ruf dem Vater voraus. Wenn das ein Wolf gewesen ist oder eine anderes wildes Tier!

Da erscheint wie herbeigezaubert zwischen den welken Gräsern das Knabengesicht. „Ist nichts passiert, Vater. Nur mein Knie blutet.“ Gleich darauf kommt der kleine Held humpelnd bei seinem Vater an, der ihm in sichtbarer Erleichterung den Arm um die Schulter legt und den Jungen an sich drückt. „Mein Gott Junge“, würgt er hervor, „jage uns nur nicht solche Schrecken ein!“

Wenngleich dem Halbwüchsigen die liebevolle Geste guttut, ist sie ihm doch angesichts der Zuschauer außerordentlich peinlich. Sich straffend dreht er sich aus der väterlichen Umarmung. „Ich bin doch nur in einen Karnickelbau getreten und im Fallen auf einen Ast aufgeschlagen. Es war gar nichts!“ Damit wendet er sich wieder seinem Ziel zu und erreicht gleich darauf mehr hinkend als gehend die Wartenden.

„Na du Bote mit Hinkebein, was hast du mir zu melden?“ Hildebrand hütet sich, sich zu dem Jungen herunter zu beugen, denn das hätte diesen erheblich in seinem Stolz verletzt, wo er doch gewiss von seinen Freunden beobachtet wird. Und tatsächlich erwidert Bernhard ernsthaft und gar nicht kindlich wirkend: „Bei Reinhold sind fünf Fremde. Sie sprechen ganz seltsam, aber er kann sie offensichtlich verstehen. Er spricht mit ihnen, aber ich höre nur itsch-zitsch-kitsch. Zu mir hat er gesagt, dass das Sorben wären und dass von denen keine Gefahr droht. Du sollst zu ihm kommen, denn die Sorben hätten einen Vorschlag.“

Hildebrand hebt die Schultern und streicht sich über den Bart. „Und – was meint ihr dazu?“, wendet er sich an Heinrich und Theobald. Die beiden schmunzeln zwar noch versteckt über den kleinen Boten, lassen aber dennoch über ihre Gestik Unsicherheit erkennen. Schließlich meint Theobald: „ Wenn Reinhold das sagt, dann kann man dem trauen. Er kennt das Volk schon. Aber du solltest nicht allein gehen, sonst verlieren wir im unglücklichen Falle womöglich unsere erfahrensten Leute.“

Mechthilde, die inzwischen vom Wagen geklettert  und zu ihrem Sohn getreten ist, mischt sich in das Gespräch der Männer: „Nimm doch Johannes mit. So groß und kräftig wie der ist – der nimmt es doch mit zwanzig Sorben auf.“ Lachend stimmt Hildebrand zu und wendet sich an Bernhard, der immer noch ganz stolz neben seinem Vater steht: „Ich denke, trotz deiner Verwundung kannst du immer noch unser flinker Bote sein, oder? Laufe also hinter zum sechsten Wagen, Johannes soll kommen und seine Axt mitbringen. Lasst euch aber möglichst nicht von den Sorben sehen!“.

Noch ehe er den Satz beendet hat, saust der kleine Blondschopf los wie Hermes der Götterbote. „Von wem er das wohl hat? Der Bursche scheint weder Angst noch Schmerz zu kennen.“ Bedeutungsvoll nickt Hildebrand Heribert und Mechthild zu. Heribert versteht die Anspielung auf seine Ängstlichkeit nur zu deutlich. „Vielleicht war ich auch einmal so?! Es gab den Jungen noch nicht, als wir damals kurz hintereinander erst in die Hände der Sachsen und dann der Franken fielen. Da kann man schon den Mut einbüßen.“, murmelt er beschämt.

Hildburga, die plötzlich bei ihnen steht, mag diese Seitenhiebe nicht, die in der Gesellschaft nur zu gern gegen die Schwächen Einzelner geführt werden. „Was müsst ihr immer nach dem Popel in der Nase der anderen suchen? Jeder hat seine guten und seine schlechten Seiten. Aber nur die guten Seiten aller machen uns stark, wenn wir sie richtig nutzen. Wenn wir die Mischung richtig vornehmen, dann spielen die Nachteile keine Rolle. Das ist wie beim Kräuteraufguss.“

„Ist ja gut, Alte“, wendet Theobald begütigend ein, „wir wollen ja gar nicht zanken. Aber den Kleinen loben wird man doch dürfen?“

„Ach ihr Mannsbilder, doch nicht, indem ihr Vater und Mutter schmäht!“ Damit wendet sie den Männern den Rücken zu und schlurft zu ihrem Wagen zurück.

Hildebrand schmunzelt in seinen Bart. „Das Weib ist schon richtig. Es ist eine Schande, dass sie von den Schwarzkitteln so beschimpft wird. Aber in einem hat sie besonders Recht: wir müssen die Stärken des Einzelnen besser nutzen.“

„Hast du mich deswegen rufen lassen?“, mischt sich unversehens eine brummige Stimme ein. Johannes baut sich in seiner Hünenstatur vor Hildebrand auf und lässt demonstrativ die Axt auf die Handfläche klatschen. Trotz des kühlen Wetters trägt er einen ärmellosen Kittel und sein protziges Muskelspiel beeindruckt die Männer gehörig. „Wo steht die tausendjährige Eiche, die uns den Weg versperrt?“

Der Herkules muss der einzige Mann der Kolonne sein, der nicht die Ursache des Stopps erkannt hat. „Du hast wohl geschlafen, du Goliath?“, fährt ihn Heinrich an, dem das Schauspiel des Johannes erheblich auf die Nerven geht, da es sich doch immer wiederholt. „Wir sind auf die Sorben gestoßen!“

„Ha, die sollen nur kommen, denen schlage ich auf den Wanst, dass sie noch bis übermorgen laufen!“ Der Riese schaut selbstüberzeugt in die Runde.

„Niemanden sollst du verprügeln“, beendet Hildebrand die Kraftmeierei und lässt seine flache Hand bewusst derb auf den nackten Oberarm des großen Kerls sausen, „wir wollen da nur jemanden vorführen, dass wir nicht unbewehrt hier sind. Deshalb wirst du jetzt mit mir gehen, immer fünf Schritte hinter mir bleiben und auf gar keinen Fall auch nur ein Wort sagen. Ist das klar?“ Daraufhin dreht sich der Älteste um und stapft davon. Johannes hat zwar das Gesagte, nicht aber den Sinn begriffen. Da ihm aber das Denken ein wenig schwerfällt, zuckt er nur mit den Schultern und folgt ihm in angewiesenem Abstand.

 

Sorbische Hilfe

Als die beiden Männer endlich Reinhold sehen, erblicken sie an seiner Seite einen imposanten Mann in weißem Gewand. Über seiner Schulter liegt ein dunkelblauer Umhang, der von einer bronzefarbenen Fibel gehalten wird. Trotz des offensichtlich hohen Alters steht er hoch aufgerichtet in geradezu königlicher Haltung und überragt Reinhold um Haupteslänge. Der weiße Bart fällt wellig über die Brust und sein Haupthaar in gleicher Form und Farbe tief in den Rücken. Ernst und stolz schaut er aus wässrigen Augen den Ankommenden entgegen. Hinter ihm stehen seine Begleiter in farbenfrohen Kitteln, gut bewaffnet mit Speeren und Schwertern, aber keinesfalls Gewalt andeutend.

Hildebrand nickt dem offensichtlichen Anführer der Sorben grüßend zu. Die Hände mit den Flächen nach vorn streckend dokumentiert er seine friedliche Gesinnung. „Ich grüße euch, in deren Land wir eingedrungen sind. Wir suchen keinen Krieg mit euch, wohl aber eine Bleibe bei den Unseren, die schon hier leben.“ Während Reinhold übersetzt, nickt der Alte leise und streicht sich würdevoll über den Bart. Seine Antwort kommt ruhig, aber in melodischer Weise über seine Lippen. Wie von dem kleinen Bernhard vorhin angedeutet, ist die fremde Sprache tatsächlich von vielen Zischlauten aber auch von rollendem R durchsetzt.

Reinhold bringt seinen Gefährten das Gesagte zum Verständnis: „Sie sind aus dem übernächsten Tal ostwärts gekommen, wo sie an einem Steinbach leben. Ihr Dorf liegt weitab von ihrem Volk und sie leben von der Jagd. Aber der Durchzug der Ungarn fügt ihnen immer wieder großen Schaden zu. Deshalb haben sie gern unsere Krieger in ihre Nähe gelassen, wo sie eine uralte Burg aus Vorzeiten bewohnen. Er will uns dorthin geleiten.“

Das wäre natürlich eine große Erleichterung für die letzte Etappe des Zuges, denn es würde die Erkundung des Weges entfallen. Aber kann das nicht ebenso-gut eine Falle sein? Es ist ja durchaus nicht undenkbar, eine ganze Karawane in diesem Urwald auf ewig verschwinden zu lassen. Hildebrand wirft Reinhold einen fragenden Blick zu. „Und dann erschlagen sie uns und haben unsere Wagen. Welche Sicherheit kann er uns bieten?“

Der Alte muss an der Miene Hildebrands gelesen haben, dass dieser die Lauterkeit des Anerbietens in Frage stellt. In gleicher Weise wie zuvor quellen weitere Sätze über seine Lippen. Seine Leute nicken zustimmend. Reinhold versichert im Namen der Sorben: „Wir können ihm trauen, sagt er. Sie haben uns schon seit gestern beobachtet und wenn sie uns hätten überfallen wollen, dann wäre es am Hang die beste Möglichkeit gewesen, als Rudolf verunglückt ist. Aber ein Bote ist wohl seit einiger Zeit zu unseren Leuten unterwegs und die würden gewiss jemanden entgegenschicken.“

Hildebrand wägt das Gehörte ab. Darf man hier ein Risiko eingehen? Immerhin sieht er sich in der Verantwortung für zwölf Familien und will nicht leichtsinnig sein. „Wir sollten das Angebot im Interesse der Zeit wohl eingehen“, sucht Reinhold die Zweifel zu nehmen, „die Besiedlung hier ist so schwach, dass die Sorben kaum auf Unterstützung von eigenen Leuten großartig hoffen können. Damit sind wir ihnen schon zahlenmäßig überlegen. Wenn es anders ist, dann haben wir ohnehin kaum eine Chance.“

„Da hast du wohl recht, aber wir dürfen sie auf keinen Fall an unsere Wagen heranlassen, denn diese sind unser einziger Schutz.“, stimmt er zu. „Bitte sie, uns die Trasse freilegen zu helfen. Vielleicht gehen sie darauf ein?“

Als Reinhold die Worte übersetzt, lacht der Alte breit, auch seine Begleiter schmunzeln verstehend. „So seid ihr Germanen, euer König drängt in unser Land bis zum großen Elbestrom und ihr befürchtet berechtigt, nicht willkommen zu sein. Nun, wir lieben auch euren Karl-König nicht gerade, aber wir sind hier weitab in der Wildnis. Wenn hier aber mehr Menschen ansiedeln, dann können wir uns auch besser gegen die Ungarn zur Wehr setzen, was also durchaus in unserem Interesse liegt. Also begrabt euer Misstrauen. Wir bleiben euch vorerst fern und machen den Weg frei.“, lässt er wissen, hebt die Hand und wendet sich mit seinem Gefolge ostwärts.

„Na, den haben wir aber beleidigt!“, fährt es aus Hildebrand. Reinhold wehrt ab: „Ach wo, er weiß wohl, wie es in uns aussieht. Der blickt direkt in die Seele wie Mutter Hildburga und braucht eigentlich gar nicht unsere Worte. Bestimmt ist er ein Priester.“

„Was denn, wie zu Hause der Pater Hermius?“, mischt sich Johannes in das Gespräch. „Der Mann sieht aber ganz anders aus, gar nicht so dunkel gekleidet und ein Kreuz trägt er auch nicht um den Hals.“

„Eben“, spottet Hildebrand, „und der Schädel ist auch nicht zur Tonsur rasiert, sogar der Rosenkranz fehlt. Mein Gott, du Hohlkopf, das sind keine Christen!“ Der Lange blickt erschrocken hinter den Sorben her. „Was denn, das sind Götzenanbeter, so wie die alte Hildburga?“

„Ach Junge, lass unsere gute Hildburga aus dem Spiel. Sie ist vielleicht eine bessere Christin als wir alle!“, unterbricht ihn Reinhold. „Und außerdem: wenn die Sorben Gott einen anderen Namen geben als wir, ist er doch derselbe.“

Johannes steht das Unverständnis deutlich ins Gesicht geschrieben. Zu unbeweglich ist sein Denken, als dass er die Worte begreifen könnte. Während Hilde-brand abwinkt und zu den Wagen zurückgeht, folgen ihm Johannes und Reinhold, wobei der Ältere dem Hünen erklärt: „Auch unser Volk war früher anderen Göttern zugewandt. Doch im Laufe der Zeit lernten wir, dass Wotan nur ein anderer Name für Gott ist. Von Jesus haben wir erst spät erfahren. Trotzdem waren wir immer gottesfürchtig. So mag es wohl bei den Sorben auch sein. Wir dürfen sie nicht verteufeln, sondern wir müssen sie für uns gewinnen. Schließlich wollen wir doch friedlich mit ihnen zusammenleben.“ Diese Worte begreift der Große und gemeinsam mit Hildebrand erreichen sie den Wagenzug.

Die Fuhrleute haben sich bereits am ersten Wagen zusammengefunden. Die Frauen und Kinder bilden nicht weit von ihnen eine zweite Gruppe. Alle schauen gebannt auf ihren Führer, der recht ungehalten auf die Versammlung blickt. „Seid ihr nicht mehr gescheit?“, grollt er. „Ohne jegliche Bedeckung lasst ihr die gesamte Kolonne! Was glaubt ihr denn, wie schnell ihr euer gesamtes Hab und Gut los sein könnt? Eindeutig war festgelegt, wie gesichert wird!“

„Wird es ja auch!“, tönt eine helle Stimme aus dem kahlen Geäst. Überrascht richtet Hildebrand seinen Blick nach oben, wo er in halsbrecherischer Höhe seine Tochter Mathilde auf zwei Ästen freihändig balancieren sieht. Über ihren Augen die waagerechte Handfläche als Blendschutz haltend, mimt das Mädchen den aufmerksamen Beobachter. „Hilde!“, gellt der erschreckte Ruf von Gerfriede, die ebenfalls erst jetzt die Zwölfjährige entdeckt. Diese jedoch winkt hell lachend herunter und trällert: „Keine Angst, ich stehe sicher und mein Blick reicht weit. Welche Gefahr auch immer ich sehe, bis sie uns erreicht, habt ihr noch Zeit.“

Dem Vater bleibt ob des losen Mundwerkes seiner Tochter die Luft weg. Oh wie gerne würde er ihr jetzt das Fell gerben! Indes singt sie weiter: „Ganz dort hinten tut es mir der Bernhard gleich und zusammen sehen wir beide wohl das ganze Sorbenreich.“ Es ist nur die Mimik der besorgten Eltern, die den Frechdachs eilig vom Baum klettern lässt.

Obwohl Gerfriede dem Mädchen eine schallende Ohrfeige versetzt, bringt sie es doch rasch aus der Reichweite ihres Mannes, dessen totbleiches Gesicht und zusammengezogene Brauen ahnen lassen, welch gewaltiger Vulkanausbruch sich in ihm aufstaut.

„Diese Wänster!“, flüstert einer der Männer. Georg jedoch schüttelt seine rote Mähne und wendet sich Hildebrand zu: „ Reg dich nicht so auf! Wir waren doch als Kinder auch nicht anders. Außerdem habe ich die beiden da hochgeschickt. Meinst du vielleicht, ein Erwachsener hätte dort hinaufklettern können? Und bessere Beobachtungspunkte findest du hier nirgendwo. Im Übrigen sichern noch Heribert und Matthias, oder siehst du sie hier?“

Hildebrand schluckt mühselig. „Du hast die Kinder hinaufgeschickt? Sollen sie sich die Knochen brechen?“ Georg, der gewöhnlich rabiate Mittel bevorzugt und, wie die anderen keine Zimperlichkeit kennt, zuckt nur die Schultern. „Was meinst du denn, wo die beiden zu finden sind, wenn wir Rast einlegen? Die  Gören sind doch wie die Katzen. Wenn die fallen, dann nur, weil sie es auch wollen.“

Das allgemeine Nicken in der weiten Runde lässt bei Hildebrand die Wut abklingen und er ruft: „Komm schon her, Hilde. Der Sturm ist vorbei!“ Zaghaft löst sich das Mädchen aus dem Schutz des mütterlichen Rückens und reibt sich die von der Schelle gerötete Wange. Tapfer versagt es, den Tränen in den Augenwinkeln  den Weg über die schmutzigen Wangen zu bahnen. Nur ein kleines Zittern in der Stimme verrät seinen Gemütszustand. „Wir haben gut beobachtet! Die Fremden sind auf der anderen Seite des Baches, dort an der Biegung, den Hang hinaufgegangen. Sie machen Kerben in die Bäume. Das sollen bestimmt Zeichen für uns sein.“ Als Mathilde bei ihrem Vater ankommt, streicht dieser über ihren zerzausten Schopf. „Du bist schon ein rechtes Eichhörnchen, Hilde. Laufe mit Bernhard voran und haltet aber den Sichtkontakt zur Kolonne“, und zu den Fuhrleuten gewandt, „auf geht’s, sie zeigen uns den Weg!“

Die Sonne schickt sich bereits an, die Baumwipfel im Westen zu berühren, als die Wagen endlich den lang gestreckten Hang gemächlich hinunterrollen. Die Sorben haben einen recht bequemen Weg durch den unendlichen Wald gezeigt, ohne auch nur noch einmal in die Nähe der Kolonne zu kommen.

Nun lichtet sich der Wald und vollkommen überraschend breitet sich eine weite Auenlandschaft vor den Fuhrleuten aus. Im Norden ist sie wieder von dunklem Wald auf der nächsten Höhe begrenzt, während sich ein sumpfiger Grund, mit Buschwerk bestückt, von den Bergen im Westen her ostwärts windet.

Die Augen weiden sich an dem Ausblick und lebhaft wallen Vorstellungen hoch, wie reizvoll die Landschaft im Sommer sein mag, wenn ein bunter Blütenteppich die jetzt blassen Wiesen bedeckt. Unten im Tal weisen dicht bei dicht stehende Weiden auf einen Wasserlauf hin, den sie mit ihren langen hängenden Ruten gleich einem Schleier zu verbergen suchen. Ein nebeliger dünner Streifen zwischen den geneigten Stämmen verstärkt diesen Eindruck noch. Weit vorn, am gegenüberliegenden Hang, grasen Rehe in der Sonne und vermitteln den Eindruck tiefsten Friedens, der selbst vom Bussard, der hoch oben majestätisch kreist und nur hin und wieder durch einen Flügelschlag die Flugbahn korrigiert, noch unterstrichen wird.

„Hier sollte man siedeln und ein neues Leben aufbauen“, seufzt Gerfriede träumerisch. Mathilde stimmt ihr mit einem Nicken zu. „Oh ja, hier hätten wir wohl alle Platz genug. Warum bleiben wir nicht alle hier, Vater?“ Mit spitzem Finger stößt sie ihn in die Hüfte und Hildebrand zuckt überrascht zur Seite. „Weil es hier bestimmt nicht immer so friedlich ist, mein Mädchen. Wir sind doch auch deswegen hier, weil die Ungarn abgewehrt werden müssen. Blieben wir hier, dann müssten wir stets den Waldrand in allen Richtungen bewachen und wer sollte dann die Häuser bauen, die Felder anlegen und bestellen? Deshalb ziehen wir weiter zu den Unseren.“

Die Kleine seufzt: „Hoffentlich sind wir bald da!“. Da zeigt sie aufgeregt nach rechts und springt auf. „Sieh doch, Vater, dort auf dem Berg stehen Häuser!“

Tatsächlich zeigt sich auf einer bewaldeten Höhe eine Gebäudegruppe, die von Palisaden umzogen wird. Trutzig wirkt der Komplex und stolz. Die am Hang rundum aufragenden Bäume scheinen die Festung zu tragen. Umso mehr verwirrt es Hildebrand, dass die Wegmarkierung keinesfalls dorthin führt, sondern die fast nördliche Ausrichtung beibehält.

„Halt!“, gellt sein langgezogener Ruf über die Fuhrwerke und bringt die Gespanne zum Stehen. „Ihr bleibt am Wagen, es wird nicht abgestiegen!“, weist er die Frau und die Tochter an, bevor er nach vorn zu Reinhold am ersten Wagen stapft.  Rudolf, der trotz seiner Bandagen mühselig vom Bock geklettert ist, will sich ihm anschließen, doch gibt er sein Vorhaben schnell auf, als er mit dem Älteren nicht schritthalten kann.

Reinhold seinerseits steht an der Spitze der Kolonne und schaut dem Treckführer entgegen. Als der bei ihm eingetroffen ist, weist er auf die Festung: „Lässt du deswegen halten?“ Der Ältere nickt. „Was hältst du davon? Es ist doch merkwürdig, dass uns die Sorben daran vorbeiführen!“

„Die Festung scheint verlassen zu sein. Wenn dort unsere Leute wären, dann hätten sie uns gewiss jemanden herübergeschickt.“

Reinhold kneift die Augen zusammen und sucht die Gegend nach einem Reiter ab. „Es ist mir zu ruhig.“ Hildebrand meint: „Kann das nicht eine Festung der Sorben sein?“.

„Kaum“, wehrt Reinhold ab, „die Sorben bauen anders. Die Burg ist ganz sicher von unseren Leuten errichtet.“

„Aber das muss schon lange her sein“, ertönt Ludwigs Jungmännerstimme vom Wagen her, „an der rechten Seite sind die Dächer eingestürzt und auch sonst sieht alles ziemlich verfallen aus.“ Ludwigs Augen scheinen um einiges schärfer als die der Männer.

„Wenn die Burg besetzt wäre, käme bestimmt längst ein Bote. Aber dort oben scheint alles totenstill.“, bekräftigt Reinhold die Worte seines Sohnes.

„Trotzdem scheint es mir doch sehr bedenklich, dass uns noch immer keiner der Unseren entgegenkommt, wo doch die Sorben einen Boten geschickt haben wollen. Nicht dass die Burg dort oben doch unser Ziel ist und die Sorben oder wer auch immer haben unsere Krieger verjagt.“

„Das können wir leicht in Erfahrung bringen“, meint Hildebrand, schicken wir doch einfach einen Kundschafter oder besser zwei. Laufe zu Theo, Ludwig, er soll mit Heinrich zu mir kommen.“ Der Junge springt mit einem Satz auf den Boden und macht sich eilig auf den Weg.

Gunhild, die derweil aus dem Wageninneren auf den Bock klettert, richtet ihren Blick auf die Bauten rechterhand. Die ein wenig korpulente Mittdreißigerin streicht ihre strohblonden Locken aus der Stirn und zieht diese kraus. Eine Schönheit ist sie nicht, aber ihre Züge deuten Tatkraft und Gewitztheit an.

„Also ich würde Mutter Hildburga fragen, ob das nicht eines von den Kastells sein kann, die in alten Zeiten von unserem Volk im finsteren Osten errichtet wurden.“, mischt sie sich in das Gespräch. „Ich denke, dass wir diesen Baustil schon gesehen haben, als wir als Händler bis zur Elbe gezogen sind. Stimmt es, Reinhold?“

Ihr Mann pflichtete ihr mit einer Neigung des Kopfes bei. „Ja, wo du es so sagst, kannst du schon recht haben. Da waren an der Saale und an der Pleiße Festungen ganz aus Holz – naja, was davon noch übrig war. Sie müssen schon mehr als hundert Jahre überstanden haben.“

Hildebrand kratzt sich den Schädel. „Dann muss es aber wirklich gutes Holz gewesen sein, wenn es hundert Jahre  überstanden hat.“

„Ach was, wenn die Häuser bewohnt und bewirtschaftet werden, halten sie mehr als hundert Jahre.“, hält Gunhild entgegen. „Ihr habt doch bisher auch nicht für jede Generation ein neues Haus gebaut! Nur was verlassen ist, ist auch dem Verfall preisgegeben.“

„Also gut“, erwidert der Kolonnenführer, „fragen wir die Alte. Ich frage mich nur, woher sie über jene Feste dort Bescheid wissen soll. Sie ist doch ihr ganzes Leben kaum aus unserem alten Tal herausgekommen.“

Schneller als man es Gunhild zutraut, ist sie vom Wagen geklettert und tritt auf Hildebrand zu. „Es passt dir wohl nie so recht, den Rat eines Weibes einzuholen?“ Der Gerüffelte schmunzelt die dralle Frau an: „Nee, es passt mir überhaupt nicht, wenn die Weiber in Männersachen reinreden. Trotzdem versucht es meine Frau immer wieder.“ Dann setzt er ernst fort: „Es ist mir eigentlich vollkommen egal, von wem ein Rat kommt, wenn er nur gut ist. Man muss nur aufpassen, dass der Rat auch tatsächlich gut ist.“

Gemeinsam gehen die drei zurück zum zweiten Wagen in der Kolonne. Rudolf sitzt steif auf dem Bock und blickt den Ankommenden entgegen. Von Hildburga, die sonst immer an seiner Seite sitzt, ist nichts zu sehen. Gunhild schaut zu ihm hinauf und kann sich nicht verkneifen, den mehr oder weniger zur Starrheit Gezwungenen zu necken. „Na du geschnitzter Holzscheit, deine Begleiterin ist wohl auf und davon, weil du ihr nicht elegant genug den Hof machst, wie?“

„Halte doch dein loses Maul. Meinst du, es macht Spaß, wenn man sich kaum bewegen kann? Trotzdem bin ich froh über den straffen Verband, sonst wäre ich wohl ausgelaufen wie ein kaputtes Fass. Aber die Hildburga hat mich schon ganz gut geflickt. Dafür liegt sie jetzt hinten unter den Fellen, denn sie verträgt die Kälte nicht mehr.“

„Unseren Spott wirst du wohl noch eine Weile ertragen müssen.“, meint Reinhold schmunzelnd. Rudolf verzieht das Gesicht. „Ja ich weiß, wer den Schaden hat … Aber ihr kommt ja bestimmt nicht zu mir, um mich zu bewundern. Was gibt es denn da vorn?“

Hildebrand schiebt sich an seinen Begleitern vorbei  und legt die Hand auf das Kastenbrett. „Wir brauchen Mutter Hildburga. Wenn uns die Ideen ausgehen, muss halt ihre Weisheit herhalten.“ Und lauter setzt er nach: „He Mutter Hildburga, zeige dich, du wirst gebraucht!“.

Unter der Plane ist das Rascheln von Decken zu hören, und gleich darauf zeigt sich das runzelige Gesicht hinter Rudolf. Kalkweiß bildet es zum dunklen Schultertuch einen starken Kontrast, das silberne Haar liegt in dünnen Strähnen am Kopf und die Augen blinzeln mühevoll in das Tageslicht.

Gunhild stößt erschrocken die Luft durch die Nase. „Oh Gott Hildburga, wie siehst du denn aus? Du bist ja krank!“ Angestrengt hüstelt die Alte. Als würde ihr ein Kloß den Hals verschließen, würgt sie hervor: „Es scheint mich wirklich erwischt zu haben. Das muss das kalte Fieber sein. Mir dreht sich alles vor den Augen.“ Nach einem krächzenden Husten fährt sie fort: „Seit siebzehn Jahren hatte ich nichts mehr. Ausgerechnet jetzt muss ich krank werden, es ist ein Jammer!“.

Rudolf legt ihr seufzend die Hand auf die Stirn. „Heiß bist du nicht. Du wirst dich wohl unterkühlt haben.“ Gunhild kann ihre Sorge nur schwer verbergen. „Du brauchst schnell etwas Heißes zu trinken und dann musst du liegen. Nicht auszudenken wäre es, wenn du so kurz vor dem Ziel schlapp machst.“

Hildebrand, der nicht vergessen hat, weshalb sie an diesen Wagen gekommen sind, unterbricht das besorgte Gespräch: „Du kannst gleich wieder unter deine Decken kriechen, Alte. Matthias hat doch auf seinen Wagen den Kater mitgenommen. Der ist zwar schon alt wie Methusalem, aber da passt er ja wenigstens zu dir. Der kann dich wärmen.“

„Unsinn“, unterbricht ihn wenig respektvoll Reinhold, „ich habe in meiner Fracht heiße Steine, das habe ich mir als Händler vor Jahren schon angewöhnt. Zwischen den Fellen hält die Wärme lange vor. Und eben dorthin legen wir Mutter Hildburga!“

Die Kranke nickt, denn diese Idee behagt ihr. „Hast du das von den Franken oder von den Sorben?“

„Weder das eine, noch das andere. Das habe ich aus dem Lothringischen mitgebracht.“

Hildebrand will sich nicht schon wieder aus dem Gespräch drängen lassen und so stellt er schnell seine Frage zu den Bauten auf dem Berg.

Hildburga schließt die Augen und beginnt mit heißerer Stimme leise zu deklamieren:

„An des Bächleins breiter Auen

konnten sie weit nach Osten schauen.

Im Norden und Süden des Waldes Hängen

konnten nicht das Tal beengen.

Dort bauten sie auf einer Höh

als hinweg der letzte Schnee

auf felsigem Grund ganz schnell

nach altem Brauche ein Kastell.

Fünfzig Krieger blieben dort,

die andren zogen ostwärts fort.

Nur einen viertel Tag

weiter zu Fuß es gewesen sein mag,

da erreichten sie ein riesiges Tal

mit Flüsschen und Bächlein in großer Zahl.

Auf dem Bergsporn dort legten sie dann

die große, sichere Feste an,

wie es ihnen war hienieden

von König Dagobert beschieden.“

 

Erschöpft hält Hildburga inne. Hildebrand zwirbelt gedankenvoll seinen Bart. Es gab also zwei Kastelle, dann muss eines weiter im Osten sein. Also scheinen uns die Sorben richtig zu führen.

„Bringt Mutter Hildburga zu euch auf den Wagen, Reinhold. Setze deinen Sohn mit zu Rudolf, damit der jemanden zur Seite hat. Dann fahren wir weiter. Es muss schnell gehen, damit wir möglichst noch lange Tageslicht nutzen können.“

Mit einem Satz ist Reinhold neben Rudolf auf dem Wagen. Seine muskulösen Arme umfassen die Kranke und als ob sie ein Blatt im Winde wäre, vollführt sie einen Halbkreis in der Luft, bis sie wohlbemessen in den kräftigen Armen Gunhilds sicheren Halt findet. Reinhold springt flugs wieder vom Wagen und geleitet seine Frau mit der zerbrechlich wirkenden Last zu seinem Gefährt.

Noch bevor Hildebrand sein Fuhrwerk erreicht hat, treten Heinrich und Theobald an ihn heran, während Ludwig an ihm vorbei nach vorn eilt. „Ach Gott, das habe ich ganz vergessen!“, entfährt es dem Kolonnenführer. Dass er Reinholds Sohn geschickt hatte, die beiden zu holen, war ihm über der Aufregung entfallen. Schnell klärt er die  Freunde über den Sachverhalt auf und während sie dann nach hinten an ihre Plätze eilen, holpern die ersten Wagen bereits los und rollen langsam zu Tal.

Ludwig, der – wie zwischen seinem Vater und Hildebrand besprochen war – neben Rudolf auf dem zweiten Wagen seinen Platz gefunden hat, schaut neugierig auf die Landschaft.

In der Entwicklung zwischen einem Jungen und einem Mann stehend, nimmt er alles aus beiden Perspektiven wahr, aufregend und geheimnisvoll gleich einem Knaben, aber auch Vor- und Nachteile abwägend wie ein Mann.

Dabei kommt ihm zugute, dass er von Kindesbeinen an auf den Händlerwagen seiner Eltern mitgefahren war und so die Welt vom fernen Lothringen bis zur Elbe, vom Meer im Norden bis weit in die Alpen gesehen hat. Damit ist er gegenüber den meisten Menschen seines Volkes im Vorteil, die nur ihr Tal und einen kleinen Umkreis bisher zu Gesicht bekommen haben und nun unversehens in die Ferne gezogen sind. Unablässig tasten seine wachsamen Blicke die Unebenheiten der Senke wie auch den Waldrand ab. „Eine herrliche Landschaft ist es schon“, wendet er sich Rudolf zu, „eigentlich ist es ja schade, dass sie noch nicht unter den Pflug genommen wurde.“

Rudolf ist es ganz angenehm, sich mit dem nur sechs Jahre jüngeren zu unterhalten. Hildburga mag zwar eine angenehme und gewiss liebenswerte Begleiterin sein, aber sie ist eben doch eine alte Frau.

„Weißt du, Ludwig, wenn die Sorben es gekonnt hätten, wären sie sicher hier sesshaft geworden. Aber wie sollten sie mit ihren Holzpflügen die Baumwurzeln dem Boden entreißen? Wir können das mit unseren Eisengeräten, aber mit Holz? – Nein, das geht nicht.“

„Das mag ja stimmen, aber hier in der Aue sind doch nicht so viele Wurzeln.“ hält der Junge dagegen.

Rudolf wiederum kann den Bauern in sich nicht leugnen. „Ja sicher, in der Aue hast du kaum Wurzeln. Wenn aber das Frühjahr kommt, dann kann das kleinste Bächlein schnell zum reißenden Strom werden. Damit wird das Ackerland überspült und die Saat ist verloren. Gleiches gilt bei heftigem Regen. Kein vernünftiger Mensch setzt sich und sein Gut dieser Gefahr aus.“

Verstehend nickt Ludwig. „Stimmt, direkt am Fluss sieht man eigentlich nur ganz wenige Felder, es sei denn, es wurde ein Wall aufgeschüttet“, er überlegt kurz, „ ich glaube Deich haben sie es genannt, ja Deich. Der hält das Wasser vom Acker.“

Davon hat Rudolf schon gehört, aber gesehen hat er solch einen Deich noch nie. Wo sie herkommen, da winden sich die Bäche und Flüsse durch Felsgestein. Die Senken gehören den Gewässern, das Vieh darf dort weiden, aber keinem Bauern würde es einfallen, da ein Feld zu bestellen oder gar einen Hof zu errichten. Die Anwesen der Thüringer und ihre Äcker sind immer so angelegt, dass das Wasser sie nicht überschwemmen kann.

„Siehst du, die Berge zeigen sich hier wie bei uns und wir tun sicher gut daran, auch hier etwas erhöht zu siedeln.“, belehrt er den Jüngeren. „So steil die Hänge auch sein mögen, oben finden sich recht brauchbare Flächen, die bewirtschaftet werden können.“

Ludwig schaut auf den Berg, der sich vor ihm auf der anderen Seite des Tales hinzieht und brummt zustimmend: „Stimmt, in einer Richtung sind die Neigungen nur flach. In solchen Richtungen sind auch die Handelsstraßen angelegt. Dadurch haben die Gespanne weniger Kraft aufzuwenden. Als wir einmal im Lothringischen waren, sind wir auch durch den Schwarzwald gezogen. Dort hatten die Berge ganz andere Formen, so als hätten die Götter einfach Eimer ausgeschüttet. Wenn nicht die alten Straßen gewesen wären, wir hätten nicht hindurch gekonnt.“

Inzwischen hat der Wagen den Bach in der Mitte der Aue erreicht und die Räder rumpeln über die vom Wasser glattgeschliffenen Steine. Hier hat sich das Bächlein nur oberflächlich in den felsigen Grund gegraben, sodass die Ochsen im Gespann keine wesentliche zusätzliche Kraftaufwendung erbringen müssen, um das schwerfällige Gefährt hindurch zuziehen.

„Und von diesem Rinnsal soll eine Gefahr ausgehen?“ Ludwig rümpft die Nase. „Da drinnen müssen die Fische doch laufen, um vorwärts zu kommen!“ Rudolf schnieft deutlich hörbar. „Da hast du nun schon die halbe Welt gesehen, aber die Macht des Wassers kennst du offenbar nicht. Stell dir vor, wie es aussieht, wenn von all den Hängen der Schnee schmilzt oder wenn ein langer und kräftiger Regen fällt. Dieses Bächlein sammelt all das Wasser und kann in kurzer Zeit die gesamte Aue überschwemmen!“

„Aber dann muss ja in jedem Tal so ein Bach sein!“

„Hast du auf unserer Fahrt bis hierher auch nur eine Senke ohne ein Wasser gesehen?“ Ludwig zieht die Schultern hoch. Darauf hat er gar nicht geachtet.

Gerade hat die Spitze der Kolonne die halbe Strecke zwischen dem winzigen Gewässer und dem Waldessaum bewältigt, als Reinhold einen Reiter ausmacht, der zwischen den Bäumen hervorprescht. Im wilden Galopp treibt er seinen Braunen auf die Kolonnenspitze zu und schwenkt seine braune Kappe mit der Hand.

„Hejo, Thüringer!“ Seine raue Stimme hat ein gewaltiges Volumen und füllt das weite Tal, als sollten die Erdgeister vertrieben werden. „Bringt eure Karren auf Trab, oder wollt ihr erst im Frühjahr bei uns sein?! Hejo!“

Im Näherkommen wird ein rötliches und freudestrahlendes Gesicht mit dünnem Kinn- und Lippenbart erkennbar. Gleich darauf reißt er vor dem ersten Wagen sein prächtiges Ross auf die Hinterbeine und die Vorderhufe trommeln in der Luft. Dem Tier beben die Flanken und weißer Schaum wird von den Nüstern nach außen geblasen. Als das Pferd steht, springt der Reiter von  seinem Rücken.

„He Leute, hat es euch die Stimme verschlagen oder seid ihr stumm? Hejo, ihr habt gleich euer Ziel erreicht!“

Reinhold betrachtet den verwegenen Mann, dessen Heiterkeit ansteckend wirkt. Bedächtig nickt er ihm zu:  „Hejo ist also dein merkwürdiger Name. Es tut gut zu hören, dass wir gleich da sind. Nur erkenne ich eben noch nicht, wo wir hin sollen.“

„Nur nicht so fade, Bruder Ochsenkutscher! Ich bin der Meldereiter vom Heerlager am Flusse Kamenitza. Ihr seid spät am Tage dran und bei eurem Tempo werdet ihr erst euer Lager erreicht haben, wenn euch die Nacht schon eingeholt hat.“ Der lustige Bursche schiebt sich keck seine Kappe über den Schopf und zwinkert mit dem linken Auge. „Aber so schlimm wird es nicht werden. Dort oben läuft eine Straße bis zum Ziel.“

Überrascht schaut Reinhold den Hang hinauf. „Eine richtige Straße hier in der Wildnis? Wer hat die denn angelegt?“

Prompt äfft der Meldereiter sein Staunen nach: „Wer hat die denn angelegt! Meinst du vielleicht, dass die Sorben fliegen können? Die haben hier alle paar Täler ein Anwesen. Meistens sind es Jäger und im Laufe der Zeit haben sich zwischen den Hütten Wege herausgebildet, gerade breit genug, dass ein Wagen darauf fahren kann.“

„Das ist ja großartig. Jetzt musst du nur noch bestätigen, dass wir gar keine Gefahr mehr zu befürchten haben und uns bei euch ein Festmahl erwartet.“, geht Reinhold auf die Tonlage des Burschen ein, der sich jedoch in keiner Weise ausgelacht fühlt.

„Welche Gefahr meinst du? Für die Ungarn ist es zu spät im Jahr und mit den Sorben haben wir keinerlei Probleme, die sind friedlich. Aber Weiber haben die, Weiber …!“, mit beiden Händen zeichnet er überdimensionierte Frauenformen in die Luft.

Inzwischen sind die Neuigkeiten von Wagen zu Wagen geflogen und die Gespanne verkürzen die Abstände. Von der Mitte der Kolonne kommend schiebt sich Hildebrands Fuhrwerk an die Spitze und sogleich schließen sich ihm die Gespanne an.

Als sie den Hang erklommen haben, öffnet sich tatsächlich auf der Höhe ein Fahrweg, dessen staubige Spur sich deutlich sichtbar zwischen den Baumriesen nach Osten windet.

 

Auf dem Kastellberg

Schwer hat sich die Nacht über den endlosen Wald herniedergesenkt und zwischen den kahlen Kronen der weit aufragenden Bäume glänzen und funkeln die Sterne in reinstem Silber. Nur vereinzelt übertönt der Ruf eines Nachtvogels das Brummen der geplagten Zugtiere und das Poltern der Räder über Wurzeln und Gestein. Die Fackeln auf den Wagen malen bizarre Schatten, die sich zwischen den Baumstämmen nicht zu einem geschlossenen Bild zusammenzufügen vermögen.

Die Menschen haben längst ihre Gespräche eingestellt und mit angestrengtem Blick suchen sie die unheimliche Finsternis zu durchdringen. Im Schein der Fackeln deuten milchige Nebel vor den Mündern die hereinbrechende Kälte an. Nur vereinzelt klingt der Ruf eines Fuhrmanns an seine Tiere oder der Knall einer Peitsche.

Selbst Harras, der solange unentwegt auf den Kolonnenführer eingeschwatzt hat, schweigt nunmehr. Nur ist er keineswegs furchtsam in der Dunkelheit wie die anderen, sondern er genießt die Tageszeit. Als Melder und Bote des königlichen Heeres hat er schon so manche Nacht allein im Wald verbracht und so ist ihm das Dunkel eher vertraut als angsteinflößend. Nicht, dass ihm die Nacht lieber wäre als der Tag, aber eben auch nicht wirklich unheimlich. Für jedes Geräusch und jeden Schatten sucht er sich, die logische Erklärung ohne böse Geister und Elfen zu bemühen, was ihm schon oft, wenn nicht den Ruf des Leichtsinnigen, so doch den des Unerschrockenen einbrachte.

Als er die Kolonne um eine nächste Erhebung führt, scheinen zwischen den Bäumen plötzlich Lichter, flackernd im nächtlichen Wind. „Wir sind da, wir haben es geschafft!“, ertönt der erleichterte Jubelruf Mathildes und springt, von den Reisenden aufgenommen, von Wagen zu Wagen.

Tatsächlich eröffnet sich vor ihnen eine weite Lichtung, in deren Mitte sich eine aus dicken Balken fest gefügte Burg erhebt. In der Dunkelheit wirken die Palisaden mit den dahinter liegenden einstöckigen Häusern wuchtig und respekteinflößend. Die beiden Flügel des Tores sind weit geöffnet und auf beiden Seiten stecken in eisernen Ringen neben den gewaltigen Scharnieren armlange Fackeln und erhellen die Gesichter der Krieger, die unübersehbar freudig die Ankömmlinge erwarten.

Aus dem Burghof dringt die Helligkeit eines gewiss nicht kleinen offenen Feuers. Während sich die Wagen dem Tor nähern, bilden die Wartenden ein Spalier, um die Eintreffenden jubelnd zu begrüßen. Die anerkennenden Rufe und Pfiffe der rauen Burschen gelten allerdings weniger den wagemutigen Männern auf den Böcken als vielmehr den lachenden Mädchen und Frauen, deren Anmut durch das flackernde Licht einen zusätzlichen Reiz erhält.

Wagen auf Wagen schieben sich entlang der Palisaden in den Hof, bis sie alle unter den Wehrgängen ihren Platz gefunden haben. Die Krieger übernehmen schnell die abgeschirrten Zugtiere und führen sie aus der Burg.

Nach kurzer Zeit finden sich die Teilnehmer des Trecks am Feuer ein, das von langen Tischen und groben Bänken umfasst wird. Hier endlich sollen die Ankömmlinge ihre offizielle Begrüßung im Sorbengau erfahren.

Als alle Männer, Frauen und Kinder an den Tischen Platz genommen haben, tritt aus dem zentralen Gebäude der Festung ein gerade noch mittelgroßer Mann, dem offensichtlich der Respekt der Krieger nicht nur zukommt, sondern auch bewusst ist.

Unter seinem Pelzumhang zeichnen sich breite Schultern ab und die geröteten Hände erreichen eine Breite, die im deutlichen Widerspruch zur Körpergröße steht. Ein gewaltiger Bart umwuchert sein Gesicht, aus dem eine gewaltige Nase herausragt. Streng dreinblickende Augen unter buschigen Brauen und einer hohen Stirn unterstreichen einerseits seinen unumstrittenen Rang, verbergen aber auf der anderen Seite nicht den ehrlichen und treuen Charakter.

Als er den Arm hebt, verstummen die Gespräche und selbst das überdrehte Geplapper der Jüngsten findet sein Ende. Seine helle Stimme klingt kraftvoll in das weite Rund: „Willkommen auf Kastell Kamenitza, Freunde aus der Heimat. Auf Befehl unseres Königs Heinrich besetzen wir seit einigen Wochen diese alten Wände, die wir inzwischen wieder zu einer widerstandsfähigen Burg fügen konnten. Wenn auch unser König Heinrich im Norden einen harten Kampf gegen die Sorben geführt hat, finden wir hier in der Wildnis zu ihnen ein gutes Verhältnis. Sie haben recht gut erkannt, dass wir ihnen im Falle der ungarischen Invasion starke Verbündete sind. Zu uns können sie flüchten, denn bei ihrer Siedlungsweise als Jäger in dieser Weite des Waldes sind sie ansonsten Überfällen schutzlos ausgeliefert. Sie haben unsere unumstrittene Herrschaft anerkannt.“

Begeistert trommeln die schwieligen Fäuste auf den Tischen. Als der Redner erneut den Arm hebt, kehrt wieder Ruhe ein und er setzt fort: „Ich bin der Kommandant dieser Burg und mit mir sind wir bisher zweihundert erfahrene Männer. Wir sichern von hier aus den Norden vor den Ungarn. Sollte deren Heer im Frühjahr hier entlangkommen, dann werden wir sie am Fuße dieser Berge endgültig schlagen“.

Wieder unterbricht das Trommeln, und zustimmende Schreie aus rauen Männerkehlen unterstreichen den Siegeswillen. „Euch aber“, setzt der Kommandant fort, „brauchen wir hier als Bauern und für den Transport. Ihr müsst uns versorgen und beim Ausbau der Verteidigungsanlagen unterstützen. Wenn aber die Ungarn kommen, dann werden eure Männer an unserer Seite kämpfen, sie werden dem Heerbann folgen müssen.“

Den letzten Satz hat er nachdrücklich an die Frauen gerichtet, die ob seinen Worten nachdenklich und vielleicht etwas bedrückt dreinschauen. Der Kommandant räuspert sich kurz und beschließt seine Ansprache: „Übrigens, liebe Freunde, ich bin der Hauptmann Siegmund im Dienste unseres Königs Heinrich. Die Plätze, wo ihr eure Höfe errichten werdet, sollt ihr morgen sehen. Heute aber wollen wir eure von euch wie von uns Soldaten lang ersehnte Ankunft gebührend feiern. Da die Zeit doch schon erheblich fortgeschritten ist, werdet ihr diese Nacht noch einmal auf euren Wagen wohnen müssen.“

Als seine Worte verklungen sind, schleppen einige seiner Männer schwere Kübel mit duftender Suppe und Körbe mit Brot herbei. Andere stellen Krüge mit Wein und Wasser hinzu. Der Hauptmann lässt sich einen Becher reichen und mit einer schnellen Bewegung im Halbkreis gibt er seinen so sehr erwarteten Gästen Bescheid: „Auf euer und unser Wohl, auf die neue Heimat und auf das Gelingen all dessen, was wir uns vorgenommen haben.“ Der Spruch findet die lautstarke Zustimmung aller und gleich darauf hört man nur noch das eilige Schmatzen und Schlürfen der Hungrigen.

Als die Schüsseln geleert sind, erhebt sich Hildebrand schwer von der Bank. „Habt Dank für die herzliche Begrüßung und für das wunderbare Essen, Herr Hauptmann Siegmund. Mich nennt man Hildebrand und meine Aufgabe war es, zwölf Familien hierher zu führen. Mein Dank gilt Gott dem Allmächtigen und natürlich den wackeren Männern und den guten Weibern, die mit mir waren, denn nur durch deren Tatkraft konnten wir die Fahrt  ohne große Probleme meistern. Nun wollen wir euch Kämpfern zur Seite stehen, aber – wir sind Bauern! Soweit es nötig ist, werden wir in euren Reihen zu kämpfen wissen, aber unsere Aufgabe sehen wir mehr darin, für euer leibliches Wohlergehen zu sorgen. Allerdings ist mir noch nicht so ganz klar, wie das aussehen soll. Wir müssen die Felder erst in der Wildnis anlegen, dann wird nach dem Winter gesät und erst im Herbst des nächsten Jahres können wir ernten. Bis dahin können wir euch ja wohl kaum ernähren! Man hätte wohl besser daran getan, an unserer statt Getreide zu schicken und Schlachtvieh. Was wir bei uns haben, sind Saatgut und unsere Ochsen, die wir noch zum Pflügen brauchen und nur ein geringer Anteil Getreide für den Verzehr. So sind wohl eher wir auf eure Unterstützung mit Nahrungsmitteln angewiesen.“

Der Hauptmann nickt wissend und winkt ab. „Daran ist gedacht. König Heinrich tut nichts unüberlegt! Bräuchten wir jetzt Vieh oder anderes, dann wäre das sicher mit euch gekommen, aber der Wald ist reich an Wild und er wird uns bis zu eurer ersten Ernte wohl ernähren können und müssen, denn es wird keine weitere Kolonne bis zum nächsten Jahr zu uns gelangen. Sobald der Winter vorbei ist, rechnen wir mit den Kundschaftern der Ungarn und die sollen ja nicht auf unsere Anwesenheit aufmerksam werden. Erst wenn deren Heer bis hierher vordringt, wollen wir urplötzlich wie die wahren Erdgeister auf sie eindringen und ihnen die Schädel einschlagen. Deshalb trefft ihr auch zu so ungünstiger Jahreszeit für den Neubeginn hier ein. Bis zum Frühjahr sind eure Fahrspuren lange getilgt.“

Hildebrand stimmt zu: „Das ist gut ausgedacht. Von den Fahrrinnen wird bis dahin nichts mehr zu sehen sein. Aber werden wir nicht doch noch mit den Sorben aneinandergeraten? Der Alte, der uns als erster begrüßt hat, erwähnte König Karl als unseren Herrn und – wenn es den auch lange nicht mehr gibt – der hat ja wohl vor hundert Jahren die Sorben empfindlich geschlagen. Es muss damals grausam zugegangen sein, wenn die Sorben noch heute davon sprechen und wenn sie das nicht vergessen, dann werden sie dies auch nicht verzeihen, werden Hass gegen uns empfinden. Ob sie uns akzeptieren können, weil wir Bauern sind? Wir sind hier in ihrem angestammten Land!“

Reinhold, der die ganze Zeit still dabei gewesen ist und gelauscht hat, nimmt den Arm von der Schulter seiner Frau und mischt sich in das Gespräch der beiden Anführer: „So sehr ist das gar nicht ihr Land, Hildebrand. Weiter im Norden, dort wo der Wald endet, mag das zutreffen. Aber hier in der Wildnis sind es nur wenige Stellen, wo sich die Leute angesiedelt haben. Diese liegen verstreut und es sollte mich nicht wundern, wenn von den Unseren, die vor Jahrhunderten hier lebten, nicht vielleicht doch ein paar einzelne Abkömmlinge noch irgendwo hier zu finden sind.“

Der Hauptmann richtet seinen Blick erstaunt auf Reinhold. „Du scheinst dich ja gut auszukennen, Bauer. Aber es stimmt, die Sorben sehen uns hier eher als Verstärkung im Kampf gegen die Wildnis, sie sind zu wenige. Der alte Janko aber ist ihr Priester und sicher schon an die hundert Jahre alt – zumindest ist er so weise. Dabei kann er es aber an Gewandtheit mit manchem jungen Mann aufnehmen. Als junger Bursche muss er ein Recke ohnegleichen gewesen sein.“

Hildebrand drängt sich ein Vergleich mit der alten Hildburga auf. „Er muss die Kämpfe damals ja nicht selbst erlebt haben. Auch bei uns gibt es Familien, in denen die Geschichte sehr lebendig gehalten wird.“ Und an Reinhold gewandt: „Wo ist übrigens die Mutter Hildburga, geht es ihr wieder besser?“

Noch bevor der jedoch antworten kann, ergreift Gunhild das Wort: „Sie liegt auf dem Wagen und schläft. Wiprecht hat vorhin nach ihr gesehen, sie hat noch immer Fieber. Er hat die Wärmsteine ausgetauscht und etwas heiße Suppe gegeben. Morgen wird es ihr sicher wieder besser gehen.“

Den Hauptmann interessiert der Grund der Besorgnis und Gunhild stellt ihm in wenigen Worten Hildburga, deren Rolle in der Gemeinschaft und ihre plötzliche Erkrankung dar. Er wiegt nachdenklich den Kopf hin  und her, murmelt schließlich: „Offensichtlich eine Schwester im Geiste für den Janko. Der bekommt das sicher schnell wieder hin. Wenn nicht gerade der Bruder Hieronymus  dazwischenkommt, lasse ich morgen früh nach dem Priester der Sorben schicken.“

Erstaunt hebt Hildebrand den Blick: „Was denn, es gibt noch keinen christlichen Ort hier und doch sind schon die Priester unserer heiligen Mutter Kirche da? Predigen die hier den Bäumen und wilden Tieren im Walde, oder laufen sie den Sorben hinterher?“

„Darüber können wir morgen immer noch sprechen, vielleicht solltet ihr euch selbst ein Bild machen. Jetzt aber ist es an der Zeit, sich zur Ruhe zu begeben.“ Damit ist die Tafel aufgehoben. Schnell klettern die müden Ankömmlinge auf ihre Wagen und freuen sich auf den Schlaf in Obhut der Soldaten. Die Essenreste verbleiben auf den Tischen, denn in der Kälte der Nacht werden sie kein Ungeziefer anlocken.


 

Jedem seine Hufe

Blutrot schiebt sich die Sonne im Osten über die Bäume und taucht die frostige Landschaft in ein unwirkliches, violett gehauchtes Licht. Der Raureif lässt Gras, Äste und die Schindeln auf den Dächern silbrig glitzern und glänzen. Irgendwo außerhalb der Palisaden ertönt das Muhen der Rinder und krächzend besetzen Scharen von Krähen einen herausragenden Baumriesen.

Dem Ruf der Natur folgend erwecken die Menschen auf den Wagen aus dem erlösenden Schlaf nach wochenlanger Reise durch die östlichen Wälder. In den Knochen stecken noch die Anstrengungen vergangener Mühsal und die Gelenke folgen den Befehlen traumverhafteter Köpfe mit knackender Gehorsamkeit. Die Gesichter zeigen sich verschlafen dem eisigen Tag und die eiserne Selbstdisziplin ist schon spürbar, als sich die Aufwachenden energisch den Notwendigkeiten stellen. Noch bevor in den Gemütern der Erwachsenen Missmut einziehen kann, erhellt das Lachen und Toben der Kinder den Hof des Kastells.

Die Besatzung lässt sich gern von der ach so unsoldatischen Ausgelassenheit anstecken, denn so erbaulich waren die bisherigen Wochen inmitten der Wildnis keinesfalls. Jetzt kann man die Widerspiegelung des heimischen Alltags bei Mutter und Vater in der vertrauten, nur wenig anders gefärbten Sprache erleben.

Nicht ganz selbstlos, sondern eher auf heimliche Beobachtungschancen hoffend, erklären die Krieger gern den Weg zum Flüsschen, wo sich die Neuen waschen können.

Tatsächlich dauert es nicht lange, bis sich die Mädchen und Frauen auf den Weg machen. Die Begleitung durch den erfahrenen Reinhold, den großen Georg und den Kraftprotz Johannes wird zwar die Sicherheit der sich Waschenden dienen, nicht aber die neugierigen Soldatenblicke verhindern können. Aber selbst derbe Bäuerinnen, die doch vieles gewohnt sein mögen, nehmen bei Frost kein Bad im Fluss und so kommt es, dass sich die jungen Burschen mit heimlichen Blicken auf gänsehäutige Busen und Rücken begnügen müssen, was ihnen dennoch genug einheizt und die Phantasie enorm aktiviert.

Als die Krieger mit blitzenden Augen wieder im Kastell eintreffen, wird dem Hauptmann in Anbetracht der seltsam gespannten Beinkleider seiner Untergebenen klar, dass er im Interesseder Kampfmoral die Bauern mit ihren Familien schnellstens aus der Festung haben muss. Es fehlt ihm gerade noch, dass sich die Bauern mit den Soldaten in die Haare bekämen.

Harsch befiehlt er die Burschen auf die Wehrgänge. Nur zwei hält er zurück, die stattdessen die Spuren des nächtlichen Mahls zu beseitigen haben.

Indes nähert sich, durch eine kleine malerische Schlucht den Hang erklimmend, die heiter gestimmte Gesellschaft in Begleitung ihrer Eskorte. Besorgt beobachtet der Hauptmann die Ausflügler wie auch die zurückgebliebenen Männer und stellt erleichtert fest, dass offensichtlich niemand die Spannerei seiner Leute bemerkt hat. Während die Frauen eilig ihre Wagen aufsuchen, treten die Männer den Weg zur Morgenwäsche an. Völlig unbesorgt wenden sie sich dem Abstieg zu und freuen sich schon nach nur wenigen Schritten des Ausblicks über eine weite Talsenke, die sich weit von Nord nach Süd im gewaltigen Bogen nach Osten hin erstreckt. Von ihrem steil abfallenden Felssporn aus sehen sie unter sich das Flüsschen in seinen Mäandern gleich einer silbrigen Schlange den sumpfigen Grund durchschlängeln, in sich die Zuläufe aus Ost und West aufnehmend. Der weite Talkessel wird von bewaldeten Hängen begrenzt, die nach Osten und Süden hin von ferneren Bergen überragt werden. Die glasklare Luft gibt den Betrachtern das Gefühl, in unendliche Weiten zu blicken.

Den gleichen Weg wie zuvor die Frauen nehmend, erreichen sie schnell das Tal und vor ihnen liegt das Flüsschen. Munter springt das Wasser über das tiefbraun glänzende Gestein und lässt in sich die vorbeihuschenden Fische erkennen. Während ein wenig flussaufwärts, von Westen her, den Bergsporn umfassend, ein breiter Bach strudelnd einmündet, findet in der anderen Richtung eine Entenschar offensichtlich Vergnügen am Bad.

„Ein Feigling ist, wer sich nicht ins Wasser traut!“, ruft Georg übermütig und hat im Nu den Kittel abgeworfen. Im gleichen Augenblick hat er den schmächtigen Ger-hard an den Hüften umfasst und droht, ihn mitsamt der Bekleidung in das eisige Wasser zu werfen. Vor Schreck quiekend, wehrt sich der Attackierte heftig zappelnd. Bernhard, der von der Statur her dem Gepeinigten ähnelt, schlägt Georg, mit der flachen Hand klatschend, zwischen die nackten Schulterblätter. „Lass ihn los, du Schlagetot. Soll er sich mit den nassen Klamotten den Tod holen?!“ Der Große reißt die Schultern nach hinten und lässt Gerhard erschrocken los. „Au! Hab dich nicht so, das war doch nur ein Spaß!“

Sich selbst seinen Mut beweisend, steigt er schnell in das Wasser und setzt sich gar prustend auf den steinigen Grund. Unter Gebrüll und Gejohle tun es ihm die Gefährten mit Ausnahme von Hildebrand und Reinhold nach. Selbst Rudolf kniet sich in das eiskalte Nass, darauf bedacht, den Verband trocken zu halten. Die beiden Ältesten stehen am Ufer, schöpfen mit hohlen Händen und waschen sich höchst bedächtig.

Doch selbst der Härteste vermag nicht, sich auf Dauer den Anschein der Unempfindlichkeit gegen die Kälte zu geben und so dauert es gar nicht allzu lange, bis sich die Männer und Knaben wieder am Ufer einfinden, sich prustend abrubbeln und schnell wieder ankleiden.

„Oh, das sein Burschen hart wie Eisen, echte Nemets!“, klingt es da kehlig aus einem Gebüsch von der gegenüberliegenden Böschung und hervor tritt ein kahlköpfiger Mann mit breitem, freundlichen Gesicht und markantem hohen Jochbein. Ein gepflegter Bart umspielt seinen breiten Mund und fällt wellig auf den Brustlatz seines grün-gelb gemusterten Kittels. In der linken Hand hält er eine Pelzmütze, während die Rechte fest einen Speer umfasst. „Seid ihr neu Krieger von Chauptmann Siegmund?“

„Sehen wir vielleicht aus wie Krieger, Sorbe?“, stellt Heinrich die Gegenfrage, während Heribert unruhig den Rückzug zum Hang sucht. „Nein, wir sind Bauern.“ Rudolf bremst die Gefahr des Verrats: „Was muss er wissen, wer wir sind? Wenn es denn sein muss, wird er rechtzeitig erfahren, wer wir sind. Wenn der Kerl nun ein Panonier ist?“ Reinhold seinerseits nickt Rudolf zu. „Vorsicht ist angebracht, aber es ist ein Sorbe.“ Und an diesen gewandt: „Ich bin Reinhold und wie nennst du dich, mein Freund?“